Tomatenernte

Ausbeutung: 1 Euro Stundenlohn oder noch weniger

Viele sind sich nicht bewusst, dass ihre Nahrung oder Kleidung von Menschen hergestellt wird, deren Arbeitskraft in schwerer Weise ausgebeutet wird. Der neue Bericht der Agentur der EU für Grundrechte (FRA) untersucht als erster seiner Art umfassend alle kriminellen Formen der Ausbeutung in der EU und fordert ein Klima der Null-Toleranz gegenüber diesen Praktiken.

Der Bericht zeigt, dass die kriminelle Ausbeutung von Arbeitskräften in einer Reihe von Wirtschaftszweigen weit verbreitet ist, vor allem in der Landwirtschaft, im Bauwesen, in der Hotellerie und Gastronomie, in der Hausarbeit und dem verarbeitenden Gewerbe.

Arbeitszeit von 12 Stunden

Auch wenn die Ausbeutung von Arbeitskräften an verschiedenen Orten und in verschiedenen Wirtschaftszweigen stattfindet, so haben diese Arbeitnehmer oft vieles gemeinsam, wie etwa sehr geringe Löhne – manchmal 1 Euro pro Stunde oder weniger – und Arbeitszeiten von 12 Stunden oder mehr an sechs oder gar sieben Tagen in der Woche.

Ein wesentlicher Faktor, der zur derzeitigen Situation weit verbreiteter Straflosigkeit beiträgt, sind fehlende Anzeigen der Betroffenen: sie werden entweder an einer Anzeige gehindert oder wollen keine erstatten, weil sie Angst haben, ihren Job zu verlieren.

Null-Toleranz gefordert

„Die Ausbeutung von Arbeitskräften, die durch ihre wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse gezwungen sind, sich auf unwürdige Arbeitsbedingungen einzulassen, ist nicht akzeptabel“, erklärte der Interimsdirektor der FRA, Constantinos Manolopoulos.
„Wir sprechen hier von einem endemischen Problem, bei dem wir dringend tätig werden müssen, um Abhilfe zu schaffen. Die EU-Mitgliedstaaten müssen sich stärker für ein Klima der Null-Toleranz gegenüber schweren Formen der Ausbeutung von Arbeitskräften einsetzen. Sie müssen Schritte einleiten, um die Lage wirksamer zu überwachen und Sanktionen gegen Täter zu verhängen.“

Kaum Risiko für Täter

Für die Täter besteht jedoch nur ein geringes Risiko, strafrechtlich verfolgt zu werden oder ihre Opfer entschädigen zu müssen. Das ergibt die Analyse der FRA, die insgesamt 616 Gespräche mit verschiedenen Berufsgruppen durchgeführt hat, darunter Gewerbeaufsicht und Berufsgenossenschaften, Polizei und Zoll, Nichtregierungsorganisationen und Gewerkschaften, Arbeitsvermittlungsagenturen und Arbeitgeberverbände, sowie nationale Experten auf politischer Ebene.

Geringe Höchststrafe

Die Höchststrafe von weniger als zwei Jahren, die in einigen Mitgliedstaaten für die Beschäftigung einer Arbeitskraft unter ausbeuterischen Bedingungen gilt, wird einer so schweren Verletzung der Menschenrechte nicht gerecht. Die Situation schädigt nicht nur die Opfer selbst, sondern unterminiert auch die Arbeitsnormen.

Engere Zusammenarbeit vorgeschlagen

Die Grundrechteagentur schlägt daher u.a. vor, dass die Mitgliedstaaten für ein wirksames System von Arbeitsplatzkontrollen sorgen sollen. Um Untersuchungen in Fällen von schwerer Arbeitsausbeutung wirksamer zu machen, sollten auch in grenzüberschreitenden Bereichen enge Kontakte zwischen Polizei, Staatsanwaltschaft und Aufsichtsbehörden wie der Gewerbeaufsicht sowie Unterstützungsdiensten und Arbeitgeberverbänden hergestellt werden.

(Quelle: EU-Aktuell)

gateurope-2015-06-03 16:00:40