Bekleidungsindustrie: Mittendrin im Kleidermeer

Der Anne-Klein-Frauenpreis 2016 der Heinrich-Böll-Stiftung geht an die Frauenrechtsaktivistin Dr. Gisela Burckhardt. Die Gründerin und Vorstandsvorsitzende von FEMNET e.V. setzt sich konsequent für die Rechte der Arbeiterinnen in der globalen Textilindustrie ein. Sie ist eine Brückenbauerin zwischen den Konsumenten in Europa und den Fabrikarbeiterinnen in Indien, Bangladesch und Kambodscha.

Es ist ein unwirtlicher Herbstabend, der Regen prasselt auf das Dach des ausrangierten und graffitibeschmierten Busses, der auf dem Gelände des Bonner Kulturzentrums Kult 41 steht – und in dem zu später Stunde Biertrinken und Abhängen angesagt ist. Heute wollen die Jugendlichen aber vor allem eins: Kleider tauschen.

Denn heute steigt im Kult eine „Kleider-Fair-Tausch-Party“. Sie kommen mit vollgestopften Tüten und Taschen, schon nach kurzer Zeit stapeln sich auf dem Empfangstisch am Eingang Hemden, Jacken, Röcke und Taschen. „Die Bluse ist ja voll süß, warum willst Du die denn weggeben?“, fragt ein Mädchen ihre Nachbarin in der Schlange. „Keine Ahnung, steht mir irgendwie nicht mehr“, erwidert die zierliche Jugendliche mit den langen braunen Locken.

Mittendrin im Kleidermeer: Gisela Burckhardt – kurze blonde Haare, zugewandter Blick und Vorstandsvorsitzende von FEMNET. Der gemeinnützige Verein mit Sitz in Bonn macht sich insbesondere für Frauen in der globalen Bekleidungsindustrie stark. Die Idee hinter der Party ist ein nachhaltiger Umgang mit unseren Kleidern. Durchschnittlich 14 Kilo Kleidung pro Kopf kaufen wir jährlich, das entspricht etwa 23 Jeans oder 140 T-Shirts – das Stück oft günstiger als ein Sack Kartoffeln. Ein systematischer Raubbau an Mensch und Natur.

Unsere schnelllebigen Shoppingtrends, all die billigen Blusen, Hosen und Pullover, die sich im Neonlicht der Geschäfte auf Tischen türmen, haben ihren Preis. Hinter dem schönen Style verbirgt sich das hässliche Gewand der Ausbeutung: Für unsere Mode müssen Millionen Textilarbeiterinnen unter oftmals menschenunwürdigen Bedingungen schuften.

Tausende haben ihr Leben dabei verloren – etwa bei dem Einsturz des Rana-Plaza-Gebäudes in Bangladesch im April 2013 oder dem Brand der pakistanischen Fabrik Ali Enterprises vor drei Jahren. Gut angezogen geht anders.

Mit allen Konsequenzen für ihr persönliches Leben ist Burckhardt FEMNET und ihrer Sache verpflichtet – Frauen zu ihrem Recht auf faire und existenzsichernde Arbeit zu verhelfen. „Wir müssen erkennen, dass hinter den glänzenden Werbeslogans Menschen stehen, die den wahren Preis für das ´immer mehr` und ´immer billiger` unserer Gesellschaft bezahlen“, sagt die Vorstandsvorsitzende.

Das kapitalistische System mit seinen ungerechten Auswüchsen hinterfragt sie bereits während ihres Studiums der Politikwissenschaften, Geschichte, Französisch und Pädagogik. In ihrer Promotion legt sie den Fokus auf Erwerbsbiographien von Frauen in Ruanda. In den 80er-Jahren folgt sie ihrer Neugier und ihrem Willen, etwas zu bewegen, in die politische Entwicklungsarbeit.

Nach einer längeren Station in Nicaragua für das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen arbeitet sie zwei Jahre als Projektleiterin für die Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit in Pakistan. Der Aufenthalt markiert eine Wende in ihrem Leben: „Ich kam nicht aus der Bewegung der Feministinnen, sondern aus der linken Nach-68-Studentenbewegung. Feministin bin ich erst geworden, als ich in Pakistan lebte.“

Den Grundstein für den Kampf gegen die Ausbeutung von Frauen im Textilsektor legt Burckhardt in der Kampagne für Saubere Kleidung (CCC). Dort streitet sie seit 15 Jahren für die Rechte von Arbeiterinnen, etwa Löhne, die zum Leben reichen, und fordert Unternehmen auf, ihrer Verantwortung für eine saubere Lieferkette gerecht zu werden. Bei Recherchen in Bangladesch weist sie den Discountern Lidl und KiK Arbeitsrechtsverletzungen ihrer Lieferanten nach. Die CCC unterstützt eine Klage der Verbraucherzentrale Hamburg gegen Lidl wegen unlauteren Wettbewerbs, die Schluss macht mit der Schönfärberei. Der Discounter darf nicht mehr damit werben, weltweit fair zu produzieren.

Auch KiK geht es an den Kragen: In Kooperation mit ver.di bekämpft Burckhardt die Lohnsklaverei im Einzelhandel. Auf einer Rundreise berichten zwei Frauen aus Bangladesch und drei hiesige Beschäftigte, die gegen KiK klagen, von den miserablen Arbeitsbedingungen. Das Unternehmen wird gerichtlich dazu verpflichtet, den Stundenlohn anzuheben. „Beim Einsatz für die Arbeitsrechte ging es mir immer darum, das System der Ausbeutung hier wie dort als zwei Seiten einer Medaille kenntlich zu machen“, beschreibt die Aktivistin den Kern ihrer Strategie.

Um ihr Anliegen vehementer vertreten zu können, gründet sie 2010 mit Gleichgesinnten den gemeinnützigen Verein FEMNET und entwickelt ihn kontinuierlich weiter. Mit Erfolg: Gisela Burckhardt ist mittlerweile eine der renommiertesten Expertinnen zum Thema. Seit vergangenem Jahr gehört sie zum Steuerungskreis des Bündnisses für nachhaltige Textilien, initiiert vom Bundesentwicklungsministerium.

Denn FEMNET möchte auch vor Ort entschlossen die Arbeitsbedingungen verbessern. Im indischen Bangalore will der Verein gemeinsam mit der lokalen Organisation Cividep Kindergärten in den Fabriken einrichten, die diesen Namen verdienen – und dafür auch die Modefirmen in die Pflicht nehmen.

Obwohl vorgeschrieben, gibt es in den Fabriken bislang gar keine Krippe oder die Kinder müssen auf engstem Raum ohne Spielzeug den langen Arbeitstag der Mütter fristen, teilweise ruhig gestellt mit Medikamenten. „Die Frauen bringen ihre Kinder nicht dorthin, weil sie Angst haben, dass sie dort schlecht versorgt sind“, erzählt Burckhardt.

Besonders erschüttert sie das Schicksal einer Textilarbeiterin, deren dreijährige Tochter mittags alleine von dem kärglichen Kindergarten in der Siedlung heimgehen muss. Anderthalb Stunden später kehrt der siebenjährige Bruder aus der Schule zurück nach Hause – nichts mehr als ein kleiner leerer Raum, in dem die beiden bis in den Abend hinein auf ihre Mutter warten. „Die Frau hat schreckliche Angst, dass ihren Kindern etwas geschieht. Für diese Arbeiterinnen gibt es keine Perspektive.“

Auch im Süden Indiens ist FEMNET aktiv – in Tamil Nadu wird Cividep im Rahmen eines gerade bewilligten Projektes die Spinnereien genauer untersuchen. Der Bundesstaat liefert Garn für den ganzen Globus – auf Kosten von geschätzt 250 000 jungen Frauen, die in den rund 2000 Spinnereien ausgebeutet werden.

Die vierzehn- bis achtzehnjährigen Mädchen werden unter dem Vorwand, sie würden wohl behütet und ernährt, in die Spinnereien gelockt. Aus den vermeintlich gut Versorgten werden Leibeigene von Fabrikbesitzern, die für westliche Modefirmen produzieren, gefangen hinter hohen Mauern mit Stacheldraht.

Tag und Nacht laufen die oft mangelernährten Mädchen kilometerweit zwischen den gewaltigen Spinnmaschinen hin und her, um gerissene Fäden blitzschnell wieder einzufädeln. Es ist entsetzlich laut, der Baumwollstaub setzt sich in der Lunge fest und führt zu Krankheiten. Viele der Mädchen werden Opfer sexueller Gewalt. „Die Mädchen haben gelernt, zu gehorchen. Sie machen alles, was die Männer von ihnen verlangen – und gehen daran zugrunde, schlucken Insektengifte oder zünden sich an“, berichtet Burckhardt, die schon viele junge Frauen getroffen hat, die der Fabrikhölle entkommen sind.

Burckhardt ist es ein zentrales Anliegen, sich persönlich einen Eindruck von den Missständen zu machen – allen Widerständen zum Trotze. Ausgerüstet mit Kamera und Notizblock verschafft sie sich Zutritt zu den Fabriken, knüpft Kontakte zu Arbeiterinnen und Gewerkschafterinnen wie der 21-jährigen Dalyia, die sich bereits als Achtjährige ihr Geld mit Stickarbeiten verdienen muss.

Mit elf Jahren heuert sie in einer Fabrik an – wenn sich Einkäufer ankündigen, wird das Kind auf der Toilette versteckt. Nachdem sie in zehn Fabriken in Staub und Stress gearbeitet hat, will sie die Arbeitsbedingungen verbessern und gründet eine Betriebsgewerkschaft. Der Weg dorthin ist hart: Die Werkspolizei greift sie an und droht der Mutter, die Tochter umzubringen.

Zwar setzt die Aktivistin auf den Dialog mit Fabrikbesitzern und Modeunternehmen, doch bei Bedarf greift sie diese scharf an. Nicht zuletzt erkämpft sie so mit Partnern wie der CCC, dass Unternehmen den Entschädigungsfonds für die Rana-Plaza-Opfer endlich bis zur geforderten Summe in Höhe von 30 Millionen US-Dollar auffüllen.

Für ihr Buch „Todschick. Edle Labels, billige Mode – unmenschlich produziert“, Ende 2014 bei Heyne erschienen, recherchiert sie couragiert in Bangladesch, um Missstände in Fabriken aufzudecken und klarzustellen, dass Premiummarken wie Hugo Boss ebenso fragwürdig in Dritt- und Schwellenländern produzieren wie die oft allein gescholtenen Discounter.

Die Vorwürfe – Arbeitszeit bis zu 15 Stunden täglich, keine Arbeitsverträge, Gewerkschaftsbehinderung, Schikane und bauliche Mängel – dementiert Hugo Boss, obwohl ein anderes Luxuslabel, das in der gleichen Fabrik produzieren ließ, diese bestätigt. Burckhardt bleibt am Ball: Auf der Aktionärsversammlung im Mai greift sie an. Sie hat sich Aktien gekauft, um kritisch zu berichten und bewusst zu machen, dass teure Marken in punkto Standards oft ganz und gar nicht premium sind.

Davon wissen die jungen Leute im Kult nichts, auch in ihren Köpfen herrscht noch die Macht der Marken – schnell kommen die Turnschuhe von Adidas in die Tüte, wandert der blaue Jeansrock von Esprit in die Tasche. Als die letzten Gäste an diesem Abend das Kult verlassen und ihre Bögen um die Pfützen im Hof machen, häufen sich in der Nähe der Bar noch die Hemden, Hosen und Jacken. „Wir müssen weniger konsumieren. Wir können doch all die Kleider gar nicht tragen“, sagt Burckhardt. Gemeinsam mit ihren Vorstandsfrauen lädt sie die übriggebliebenen Kleider ins Auto ein – für Bedürftige.

Die Autorin Johanna Hergt arbeitet als Geschäftsführerin für FEMNET. Sie hat Volkswirtschaftslehre studiert und die Kölner Journalistenschule für Politik und Wirtschaft besucht.

(Quelle: Heinrich-Böll-Stiftung / Foto: Dr. Gisela Burckhardt, FEMNET e.V.)

gateurope.de-2015-12-08 21:26:40