Belgische Biere und ihre Vielfalt

Belgien und seine Biere: Die Anzahl handwerklich hergestellter Biere ist kaum irgendwo größer als in Flandern. Das kleine Land zählt insgesamt an die 1500 verschiedenen Biere. Die überwiegende Mehrzahl wird bis heute in kleinen Mengen auf authentische Weise nach lokalen Rezepturen handwerklich produziert. Doch die flämische Bierlandschaft ist besticht nicht nur durch eine sympathische Kleinteiligkeit: So beherbergt Leuven mit AB InBev den weltweit größten Brauereikonzern. Die Bierkultur wird zudem in allen Teilen des Landes durch Verkostungsvereinigungen, Kurse und Ausbildungen sowie durch Feste und Museen erhalten und gepflegt.

Flandern allerdings ist nicht nur Heimat unzähliger Mikrobrauereien. So ist die Stadt Leuven Sitz des weltweit größten Brauereikonzerns. Die heutige Firma AB InBev existiert unter wechselnden Namen bereits seit 1366. Erste weltweite Erfolge feierte die Brauerei mit der Marke Stella Artois. Heute kann sich das Unternehmen rühmen, das eigentlich kaum Mögliche geschafft zu haben: AB InBev hat sich die mächtige US-Brauerei Anheuser-Busch („Budweiser“) einverleibt.

Zum Produktportfolio gehören in Deutschland unter anderem die Marken Becks und Franziskaner. Doch es bleibt viel in Bewegung im Bierland Belgien. Bestes Beispiel ist „The Beer Experience“, eine Erlebniswelt für Fans des Gerstensaftes, welches von der renommierten Brauerei de Koninck in Antwerpen eröffnet wurde. In Mechelen wird unterdessen die Aufmerksamkeit vor allem auf das Thema Frauen und Bier gelenkt – in Zusammenarbeit mit der aktuell einflussreichsten Person der flämischen Szene, Bier-Sommelière Sofie Vanrafelghem.

In Deutschland galt das Reinheitsgebot lange Zeit als unerschütterliches Dogma, als Werbeargument und nicht zuletzt als Alleinstellungsmerkmal für Qualität. Inspiriert von Geschmackserlebnissen vor allem im englischsprachigen Ausland, lässt sich auch hierzulande ein Trend zum sogenannten Craft-Bier ausmachen. Dabei allerdings sind den Brauern aufgrund des Reinheitsgebots die Hände weitgehend gebunden.

Anders sieht die Lage in Flandern aus, denn hier dürfen so ziemlich alle Zutaten in die Kupferkessel wandern. Bierfreunde müssen also auf der Suche nach neuen Geschmackserlebnissen nicht über Nordsee oder Atlantik fliegen: Mit über 130 Brauereien und weit mehr als 1000 Sorten ist Flandern prädestiniert für eine abenteuerliche Reise in die Welt des handwerklich hergestellten Bieres. Teilweise haben die Unternehmen ihre Wurzeln im Mittelalter. Die Brauerei Roman in Oudenaarde zum Beispiel befindet sich seit 1545 in Familienbesitz. Sie wurde einst gegründet bei einer Raststätte an der Handelsroute zwischen Frankreich und Deutschland, wo stets durstige Menschen abzusteigen pflegten.

Mittlerweile produziert das Haus elf verschiedene Biere – vom Blonden über ein Weißes bis hin zu Dubbel und Tripel. Die Brauerei Den Hoorn in Leuven wurde sogar schon 1366 gegründet, ehe sie im 18. Jahrhundert zu Artois und später zu einem Teil des AB InBev-Konzerns wurde.

Eine Erfolgsgeschichte ganz besonderer Art ist die Biersorte Westvleteren 12. Das Bier mit seinen 10,2 Prozent Alkohol wird in der Trappistenabtei Sint Sixtus in Vleteren (ebenfalls Westflandern) von Mönchen gebraut. Die Brüder verfolgen jedoch nach eigener Aussage keine kommerziellen Interessen. Sie arbeiten nur für den Lebensunterhalt, für Instandhaltungsarbeiten am Ordensbesitz und um andere Klöster unterstützen zu können. Ihre sprichwörtliche Bescheidenheit jedoch konnte nicht verhindern, dass das Bier von den Nutzern der Internetseite „ratebeer.com“ zweimal in Folge zum besten Bier der Welt gewählt wurde.

Es fing langsam und unbemerkt an: Als nach dem Zweiten Weltkrieg ein französischer Adliger das Sagen in der Brauerei Liefmans in Oudenaarde zwischen Gent und Roubaix hatte, war es an Rosa Mercks, die im Hause hergestellte Sorte Goudenband zu verkosten. Die Sekretärin befand das Getränk für viel zu sauer, woraufhin ihr Chef eine Veränderung der Rezeptur anordnete. Später sollte Rosa Mercks zur Geschäftsführerin aufsteigen. Vor allem aber die Tatsache, dass sie Braumeisterin des Hauses wurde, beschert ihr bis heute nachhaltigen Ruhm, denn sie war die erste Frau, die diesen Beruf in Belgien ausgeübt hat. Ihre Legende lebt bis heute fort. So ist ihr Konterfei auf den Etiketten der Liefmans-Flaschen zu sehen. Außerdem würdigte das Boulevardblatt „Het Laatste Nieuws“ sie anlässlich ihres 90. mit einem Porträt.

Die Universitätsstadt Leuven beansprucht für sich, die Welthauptstadt des Biers zu sein. Gründe für die Behauptung gibt es genug, auch wenn andere Städte wie Brüssel oder München den Ehrentitel nicht kampflos hergeben. Gut also, dass die Auszeichnung immer inoffiziell bleiben wird. Fakt ist hingegen, dass Leuven der Sitz der größten Brauerei der Welt ist. Seitdem das belgisch-brasilianische Konsortium InBev 2008 den US-Multi Anheuser Busch geschluckt hat, firmiert das Unternehmen unter dem Namen AB InBev – und der Firmensitz befindet sich am Stadtrand von Leuven.

Mit einem Absatzvolumen von rund 446 Millionen Hektolitern Bier ist das Unternehmen nach eigenen Angaben die weltweit führende Brauereigruppe. AB InBev beschäftigt rund 150.000 Mitarbeiter in 24 Ländern, davon 2800 in Deutschland. Zum Portfolio zählen mehr als 200 Marken, darunter Sorten wie Corona und Budweiser. In Deutschland ist AB InBev mit Beck’s, Diebels, Gilde, Hasseröder, Löwenbräu, Spaten und Franziskaner präsent.

Herzstück des komplexen Firmengeflechts jedoch bleibt die weltbekannte Marke Stella Artois, die in 80 Ländern verkauft wird. Das Bier wurde 1923 als Nischenprodukt auf den Markt gebracht und nach dem zwischenzeitlichen Eigentümer Sébastien Artois benannt.

In der Region in und um Antwerpen sind bis in die Gegenwart noch 13 Brauereien aktiv. Die bekanntesten sind De Koninck mit seinem neuen Besucherzentru,, Duvel (aus Breendonk, ebenfalls mit Besucherzentrum) und das Trappistenbier Westvleteren. Antwerpen ist auch berühmt für seine Bier-Kneipen: So wie das Trappistenbier Westvleteren 12 von der Webseite www.ratebeer.com zum besten Bier der Welt gekürt wurde, gilt diese Ehre bei den Kneipen dem Kulminator. Die Karte des Hauses umfasst rund 600 Positionen aus aller Welt – darunter auch viele Raritäten.

Brüssel besitzt zwei Handwerksbrauereien, die zur Spitzenklasse gezählt werden dürfen: Die eine davon heißt Zenne Brouwerij und ist noch ziemlich neu. Sie wurde 2002 von Yvan De Baets und Bernard Leboucq im Stile einer Mikrobrauerei gegründet, um sich binnen weniger Jahre eine treue Fangemeinde zu erarbeiten. Die Besitzer betrachten sich ausdrücklich als Brüsseler, weshalb sie erst den Heimatmarkt und dann den Rest des Landes bedienen.

Die Brauerei Cantillon kann hingegen bereits auf eine lange Geschichte zurückblicken. 1900 gegründet, ist sie der letzte verblieben Betrieb, der in der Stadt Brüssel das rare Lambik-Bier herstellt. Das Kulturerbe wird im angrenzenden Museum van de Geuze aus technischer, wirtschaftlicher und historischer Perspektive beleuchtet. Den Herstellungsprozess jedoch können Besucher nur von Oktober bis März mitverfolgen, denn Lambik ist bei der Vergärung auf kalte Temperaturen angewiesen. Zum „Praxistest“ eignet sich die Einkehr in einer der beiden Niederlassungen von Moeder Lambic: Die Kneipen führen handwerklich gebraute Biere vom Fass und gestatten so ein unverfälschtes Geschmackserlebnis.

Westflandern ist die Heimat weltweit geschätzter Bierspezialitäten: Die rotbraunen Biere, wie sie die Brauerei Rodenbach in Roeselare herstellt, finden immer mehr Anklang. Vor allem aber ist der Ruhm der Trappistenbiere von Westvleteren in ungeahnte Höhen gewachsen. Zentrum der Region freilich ist die mittelalterliche Stadt Brügge, die stolz auf ihre drei Stadtbiere ist: Straffe Hendrik, Brugse Zot und Halve Maan. Das Trio wird in der Brauerei Halve Maan produziert, die sich in der sechsten Generation im Besitz derselben Familie befindet.

Bierkenner steuern in Gent sofort die Stadtbrauerei Gruut an, die anstelle von Hopfen eine Kräutermischung verwendet – nach alter französischer Art. Hier gehen Tradition und moderne Brautechnik Hand in Hand. Eine Institution in Ostflandern ist die Familienbrauerei Bosteels in der Gemeinde Buggenhout: Seit 1791 werden hier Spezialitäten zubereitet, die vor allem in der jüngeren Vergangenheit regelmäßig Preise abräumen.

Wie kommen Farbe und Geschmack des Biers zustande? Wie hat sich die Technologie im Laufe der Zeit gewandelt? Fragen dieser Art beantwortet das Bocholter Brouwerijmuseum mit spielerischer Leichtigkeit. Das 1979 eröffnete Haus befindet sich in einem architektonisch wertvollen Industriedenkmal und ist mit einer Ausstellungsfläche von 4000 Quadratmetern das größte seiner Art in Europa.

Aus derselben Epoche stammt die Brouwerij Wilderen in Sint Truiden. Gleichfalls in einem Industriedenkmal untergebracht, werden hier nicht nur Biere, sondern auch ein Bierdestillat namens Eau de Bière sowie Jenever, Gin und Whisky hergestellt. Ein absolutes Alleinstellungsmerkmal. Familiärer geht es bei der Brouwerij Jessenhofke in Kuringen bei Hasselt zu, die ihre Hausbiere schon seit 13 Jahren ausschließlich unter Verwendung von belgischem Bio-Hopfen braut. Zur Verkostung werden die Gäste ins Wohnzimmer geladen.

(Quelle: Visit Flandern / Foto: Visit Flandern)

gateurope.de_2017-08-29 14:08:59