Ryanair

Der harte Markt der Billigflieger

Mehr Flüge, mehr Flug-Strecken sowie moderat sinkende Preise – das ermittelt eine neue Studie des Kölner Deutschen Zentrums für Luft und Raumfahrt (DLR) zur wirtschaftlichen Entwicklung der sogenannten Billigflieger auf dem deutschen Markt.

Erstmals seit Jahren werde in diesem Markt ein neuer Rekord im Low Cost Segment aufgestellt: 518 Strecken wurden in und ab Deutschland von Low Cost Carriern (LCC) bedient. Damit wurde die bisherige Höchstmarke von 507 Strecken im Winterflugplan  2011 überboten.

Zugleich schiebt sich Germanwings erstmals an die Spitze der Airlines mit Low Cost Angeboten in Deutschland und drängt Air Berlin auf den zweiten Platz. Der teilweise zunehmende Wettbewerb unter den Anbietern günstiger Flugtickets führt zudem zu moderat sinkenden Preisen und offenbar auch zu „atypischen Beschäftigungsverhältnissen“.

Streckendichte nimmt zu

„Im vergangenen Winter haben wir ein Wachstum der Strecken um gut elf Prozent im deutschen Low Cost Verkehr festgestellt“, sagt Studienleiter Dr. Peter Berster vom DLR-Institut für Flughafenwesen und Luftverkehr. „Das sind 52 Verbindungen mehr als im vergleichbaren Vorjahreszeitraum, wobei insbesondere die Streckendichte innerhalb Deutschlands mit elf Prozent und zwischen Deutschland und Großbritannien mit zehn Prozent deutlich zugenommen hat.“

Auch Verbindungen nach Spanien und Italien haben jeweils rund ein Prozent zugelegt.  Derweil gab es auch Rückgänge im Low Cost Angebot, beispielsweise bei Verbindungen nach Norwegen.

Germanwings an der Spitze in Deutschland

„Deutliche Auswirkungen auf den Low Cost Verkehr ergeben sich aus der anhaltenden Neustrukturierung der Germanwings“, erläutert Berster. „Die Lufthansatochter bot in diesem Winter noch einmal  53 Prozent mehr Flüge an.“ Mit insgesamt 1.800 Starts pro Woche und einem Marktanteil von mittlerweile 38 Prozent erobert die Airline, die zahlreiche klassische innerdeutsche und europäische Verbindungen der Lufthansa übernommen hat, den Spitzenplatz und verdrängt Air Berlin.

Die Berliner Fluggesellschaft schrumpft indes ihr Low Cost Angebot weiter auf 1.700 Flüge pro Woche. Nur 35 Prozent aller Billigflüge finden sich noch im Angebot der Air Berlin. Insgesamt vereinen die sieben größten LCC‘s Germanwings, AirBerlin, Ryanair, Easyjet, Wizz, flybe und Norwegian in diesem Winter 95 Prozent des deutschen LCC-Marktes auf sich.

„Zunehmender Wettbewerb“

Je nach Carrier lagen die über alle Strecken und Buchungszeiten ermittelten Durchschnittspreise zwischen 50 und 130 Euro brutto. Damit ist das Billigfliegen im Vergleich zum Frühjahr 2014 wieder günstiger geworden. Damals lag die durchschnittliche Preisspanne zwischen 70 und 160 Euro brutto.

„Hierbei kommt ein zunehmender Wettbewerb zwischen den Low Cost Airlines zum Tragen“, so Berster. „Durch das verstärkte Angebot von Günstigflügen an großen Flughäfen, insbesondere durch die Pläne von Ryanair innerdeutsche Verbindungen wie die Strecke Köln/Bonn-Berlin wieder aufzunehmen, wird dieser direkte Wettbewerb künftig weiter zunehmen.“

Umstrukturierungen und Ausbau

Im Jahr 2014 nutzten auf den 26 internationalen und regionalen Verkehrsflughäfen in Deutschland über 67 Millionen Passagiere Billigflieger, was einem Anteil von rund 32 Prozent bei insgesamt 209 Millionen Passagieren entspricht.

An den Flughäfen Hamburg und Düsseldorf hat es durch die Umstrukturierung von Lufthansa und Germanwings, aber auch durch den Ausbau der Angebote von flybe, Easyjet oder Norwegian eine hohe Zunahme im Low Cost Segment gegeben.Auch Köln/Bonn konnte das Angebot an Low Cost Flügen steigern. Dies ist unter anderem auf einen Ausbau der Angebote von Ryanair zurückzuführen. Im Gegensatz dazu gab es Rückgänge auf Flughäfen wie Lübeck, wo Ryanair sich komplett zurückgezogen hat und stattdessen Flüge vom Flughafen Hamburg aus anbietet.

Ryanair baut Spitzenposition aus

Großbritannien bleibt mit rund 7.700 Starts pro Woche europaweit das Land mit dem größten Billigflugangebot. Auf den weiteren Plätzen folgen Deutschland, Italien und Spanien. Dabei baut Ryanair seine europaweite Spitzenposition mit einer satten zehnprozentigen Steigerung aus: Mit fast 8.400 Flügen pro Woche auf mehr als 1.500 Strecken erreicht die irische Airline vergangenen Winter einen europaweiten Marktanteil von 24 Prozent im Low Cost Segment.

In Dublin verkündete Ryanair Ende Mai 2015 seinen Gewinn vom abgelaufenen Geschäftsjahr: unter dem Strich 867 Millionen Euro und damit fast zwei Drittel mehr als im Vorjahr. Im laufenden Jahr soll der Überschuss noch weiter steigen: auf 940 bis 970 Millionen Euro.

Geschäftsmodelle vermischen sich

Easyjet schafft es hinter Ryanair auf Platz zwei mit immerhin noch 17 Prozent Marktanteil. Europaweit führt Barcelona mit 1.185 Starts die Rangliste der Flughafen im Low Cost Bereich an. Zusammengenommen kommen die drei Londoner Flughäfen auf 2.767 Starts.

„Auf europäischer Ebene ist zu erkennen, dass durch die Angebote von Norwegian ab Skandinavien und London auch der Langstrecken Low Cost Verkehr nach Nordamerika und Asien zunimmt „, ergänzt Berster.

Die Geschäftsmodelle der Fluggesellschaften vermischen sich zunehmend. Etablierte Fluggesellschaften greifen über Tochtergesellschaften verstärkt in den Markt der preisgünstigen Flugangebote ein, wie etwa in Spanien die Gesellschaften Iberia mit Iberia Express und Vueling.

In Deutschland hat Lufthansa ihre innerdeutschen und europäischen Flüge außer an den Drehkreuzflughäfen Frankfurt und München an die Tochtergesellschaft Germanwings abgegeben.

Staatsanwaltschaft Koblenz ermittelt

Wie bekannt wurde, hat die Staatsanwaltschaft Koblenz im Rahmen von Ermittlungen gegen in Deutschland stationierte Ryanair-Piloten einen englischen Personaldienstleister und dessen Geschäftsräume in einem Vorort von London durchsucht. Bei der Personalagentur handelt es sich nach Informationen von WDR, NDR und SZ um die Firma Brookfield Aviation International.

Bei den Durchsuchungen soll demnach auch ein deutscher Staatsanwalt anwesend gewesen sein. Brookfield vermittelt im großen Stil Piloten an die Billigfluggesellschaft. Es geht um den Verdacht von Sozialversicherungsbetrug und Steuerhinterziehung.

„Aufgrund der entsprechenden Verordnungen der Europäischen Union unterliegt dieses Flugpersonal nach dem derzeitigen Stand der Ermittlungen dem deutschen und nicht dem britischen oder irischen Sozialversicherungsrecht“, so die Staatsanwaltschaft.

„Atypische Beschäftigungsverhältnisse“

Ryanair sieht das anders. Es gelte weder englisches noch deutsches, sondern ausschließlich EU-Recht. Im Übrigen gehe man davon aus, dass sich alle Geschäftspartner an geltendes Recht halten. Brookfield wollte die Durchsuchungen weder dementieren noch bestätigen.

Für den irischen Low Cost Carrier fliegen derzeit nach einer Studie der Universität Gent rund 3000 Piloten, von denen mehr als die Hälfte nicht direkt bei der Billigfluglinie festangestellt sind.

Sie werden stattdessen von Personalagenturen wie Brookfield vermittelt und von diesen aufgefordert, mit Hilfe ausgewählter Kanzleien Gesellschaften mit beschränkter Haftung nach irischem Recht zu gründen. Die Piloten sind dann formal Geschäftsführer ihrer eigenen Firmen und arbeiten selbständig für die Airline.

Eine Studie der Universität Gent, in Auftrag gegeben von der Europäischen Kommission, zeigt deutlich, dass solche „atypischen Beschäftigungsverhältnisse“ wie bei Ryanair auch bei anderen europäischen Billigfluggesellschaften zunehmen.

„Die Nachteile trägt der Pilot“

Der Präsident der European Cockpit Association, Dirk Polloczek, sagte gegenüber der Recherchekooperation: „Die Konsequenzen daraus sind sehr vorteilhaft für die Airlines, die auf solche Beschäftigungsmodelle zurückgreifen. Sie haben die volle Flexibilität. (…) Die Nachteile trägt der Pilot, der hier an der Stelle ständig quasi in der Unsicherheit lebt, hab ich denn Morgen noch einen Job?“

Auch der Vorsitzende des Transportausschusses im EU-Parlament, Michael Cramer (Die Grünen), ist alarmiert. Offensichtlich seien die Airlines bestrebt, die Kosten für das Personal erheblich zu senken.

Das führe zu absurden Verhältnissen, sodass man sich auch um die Sicherheit sorgen müsse. Er fordert „klare Beschäftigungsverhältnisse und nicht, dass ein Pilot quasi Selbständiger ist.“

(Quellen: DLR / OTS / WDR / NDR / SZ)

gateurope-2015-05-27 15:53:57