Richard Gerstl Die Familie Schoenberg

Frankfurter Schirn: Von Magritte bis Weimarer Republik

Mit einer konzentrierten Einzelausstellung von René Magritte beginnt die Frankfurter Schirn ihr Ausstellungsprogramm 2017, die rund 70 Arbeiten des belgischen Malers präsentiert. Weiter geht es es mit Richerd Gerstl (unser Bild oben), dem „ersten österreichische Expressionisten“, der für viele immer noch ein Geheimtipp ist. Mit der umfangreichen Ausstellung „Glanz und Elend der Weimarer Republik“ endet das Ausstellungsjahr.

MAGRITTE – DER VERRAT DER BILDER – 10. FEBRUAR – 5. JUNI 2017

Der Maler René Magritte (1898–1967) ist ein Magier der verrätselten Bilder. Die Schirn Kunsthalle Frankfurt widmet dem großen belgischen Surrealisten eine konzentrierte Einzelausstellung, die sein Verhältnis zur Philosophie seiner Zeit abbildet. Magritte sah sich nicht als Künstler sondern vielmehr als denkender Mensch, der seine Gedanken durch die Malerei vermittelt. Ein Leben lang beschäftigte es ihn, der Malerei eine der Sprache gleichrangige Bedeutung zu verleihen. Seine Neugier und die Nähe zu großen zeitgenössischen Philosophen, etwa zu Michel Foucault, führten ihn zu einem bemerkenswerten Schaffen, zu einer Verfremdung der Welt, die auf einzigartige Weise akkurate, meisterhafte Malerei mit konzeptuellem Denken verbindet. Die in Kooperation mit dem Centre Pompidou, Musée national d’art moderne, Paris, organisierte Ausstellung beleuchtet Magrittes zentrale Bildformeln, die sich mit dem Mythos der Erfindung und der Definition der Malerei befassen. Die quasi wissenschaftliche Methode, der Magritte in seiner Malerei folgte, bezeugt seinen Argwohn gegenüber einfachen Antworten und einem simplen Realismus.

Die Schirn Kunsthalle Frankfurt präsentiert rund 70 Arbeiten, darunter zahlreiche Meisterwerke aus bedeutenden internationalen Museen, öffentlichen und privaten Sammlungen, u. a. dem Musée Magritte in Brüssel, dem Kunstmuseum Bern, dem Dallas Museum of Art, der Menil Collection in Houston, der Tate in London, dem Metropolitan Museum of Art in New York, dem Museum of Modern Art in New York, der National Gallery of Victoria in Melbourne und der National Gallery of Art in Washington D.C.

RICHARD GERSTL -RETROSPEKTIVE – 24. FEBRUAR – 14. MAI 2017

Er ist der „erste österreichische Expressionist“ und für viele immer noch ein Geheimtipp: der Maler Richard Gerstl (1883–1908). Er wurde nur 25 Jahre alt und wird in einem Atemzug mit den großen Meistern der Wiener Moderne Gustav Klimt, Egon Schiele und Oskar Kokoschka genannt. In seinen wenigen Lebensjahren schuf der Künstler ein aufregendes und ungewöhnliches, wenn auch überschaubares Werk von rund 80 Arbeiten – eines mit beeindruckenden Höhepunkten und wegweisenden Neuerungen. Erstmals in Deutschland zeigt die Schirn Kunsthalle Frankfurt eine umfassende Retrospektive Richard Gerstls und versammelt nahezu alle Werke, die heute von ihm bekannt sind. Es ist das Œuvre eines Suchenden, das bereits vieles vorweg nahm, was erst später in der Kunstgeschichte ausformuliert wurde, etwa in der Malerei des Abstrakten Expressionismus der 1950er-Jahre. Das Porträt ist neben Akt und Landschaft Gerstls bevorzugtes Genre. Die Ausstellung in der Schirn präsentiert gestisch-wilde Gruppenbildnisse sowie Porträts von Personen aus seinem engsten Kreis oder auch sein Selbstporträt als Akt – das erste eines Künstlers überhaupt nach Albrecht Dürer. Richard Gerstls Malerei reflektiert seine Auseinandersetzung mit den Widersprüchen der Moderne: Er widersetzte sich stilistisch und inhaltlich der Wiener Secession, lehnte deren Schönheitsbegriff ab und malte gegen tradierte Regeln an. Er schuf schonungslose und selbstbewusste Bilder, die keinem Vorbild folgten und bis heute ihresgleichen suchen.

LENA HENKE – 28. APRIL – 30. JULI 2017

Lena Henke verfolgt fasziniert die Systeme und Strukturen des städtischen Lebens, das sich mit seinen alltäglichen Geschichten in das Straßenbild, in Gebäude und Fassaden eingeschrieben hat. Diese Symbolträger verlieren im Verlauf der Jahre ihre Bedeutung. Von ihrem Kontext losgelöst und bestenfalls befreit sind sie oftmals nur noch bloße Klischees einer ursprünglichen Idee. In einer zumeist minimalistischen Formensprache verknüpft die Künstlerin ihre Konzentration auf diese Transformationsprozesse und ihr übergeordnetes Interesse an Architektur, Stadtplanung, Land Art, menschlichen Beziehungen, Sexualität und Fetisch mit subtilen kunsthistorischen Bezügen. Seit einigen Jahren lebt Henke (*1982) in New York und hat bereits einen umfassenden Werkkomplex aus Skulpturen und Installationen geschaffen.

Für die Rotunde der Schirn Kunsthalle Frankfurt wird die Künstlerin eine eigene Arbeit entwickeln, in der Innen und Außen miteinander verschmelzen und in der sie auf die Besonderheit des frei zugänglichen Raums eingehen wird. Henke, die von 2004 bis 2010 an der Städelschule in Frankfurt am Main studierte, zeigte zuletzt Einzelausstellungen in Deutschland, der Schweiz und den USA.

PETER SAUL – 2. JUNI – 3. SEPTEMBER 2017

Lange bevor „Bad Painting“ ein zentrales Anliegen der zeitgenössischen Kunst wurde, verletzte Peter Saul ganz bewusst den guten Geschmack. In seiner ganz eigenen Sprache hat der USamerikanische Maler ab den späten 1950er-Jahren ein Crossover aus Pop Art, Surrealismus, Abstraktem Expressionismus, San Francisco Funk und Cartoon Culture entwickelt, in dem er politische und soziale Themen anzusprechen versteht. Mit der Pop Art teilt Peter Saul das Interesse am Banalen, an der Konsumgesellschaft und den heiteren Bildwelten des Comics in leuchtenden, ansprechenden Farben. Nicht zuletzt ist sein Werk aber auch mit den ästhetischen Strategien der Gegenkultur in Kalifornien verbunden. Eine fast zornige Malerei zeigt sich, wenn Saul die Schattenseiten des American Dream thematisiert. Hier offenbart sich die Gleichzeitigkeit von überbordendem Humor und spielerischer, aber doch harscher Systemkritik. Witz, Slapstick, Sprachspiel, Comic, Persiflage, oft auch derber Humor sind die Mittel seiner karikaturhaften Angriffe auf die US-amerikanische Hochkultur.

Erstmals in Europa präsentiert die Schirn Kunsthalle Frankfurt einen umfassenden Überblick über das bislang zu wenig beachtete Werk dieses großen „artist’s artist“.

PEACE – 30. JUNI – 24.  SEPTEMBER 2017

Tauben, Regenbogenfarben und mit Blumen geschmückte Gewehre: Die Darstellung von Frieden reduziert sich meist auf gängige Klischees und bekannte Symbolik. Die Schirn Kunsthalle Frankfurt geht in einer diskursiven Gruppenausstellung einen anderen Weg und stellt vielmehr die Frage: Wie geht Frieden eigentlich? Ausgehend von der Tatsache, dass Frieden in Interaktion und Kommunikation zwischen Menschen und allen im Ökosystem existierenden Akteuren deutlich wird, richtet die Ausstellung den Blick auf Aspekte, die das (Zusammen-)Leben des Menschen seit jeher sichern und ermöglichen, etwa Wasser, Tiere, Pflanzen, Sprache oder Geschenkökonomie.

Zahlreiche Arbeiten internationaler Künstlerinnen und Künstler, u. a. von Pia Camil, Jan de Cock, Minerva Cuevas, Ed Fornieles, Surasi Kusolwong, Isabel Lewis, Lee Mingwei, Katja Novitskova, Agnieszka Polska und Timur Si-Qin, bieten eine neue, zeitgenössische Perspektive auf dieses Thema. Dabei werden auch die aktuelle Umgestaltung des humanistischen Weltbildes und ihre Einflüsse auf Mensch-Natur-Zusammenhänge eine wesentliche Rolle spielen.

Zur Ausstellung in der Schirn wird es zahlreiche Live-Events geben, wie etwa Poetry-Performances, Konzerte,Vorträge oder Kochsessions, an denen die Besucherinnen und Besucher teilnehmen können. Das Programm wird zusammen mit den beteiligten Künstlern entwickelt.

DIORAMA – ERFINDUNG EINER ILLUSION – 6. OKTOBER 2017 – 21. JANUAR 2018

In einer großen Ausstellung beleuchtet die Schirn Kunsthalle Frankfurt in Kooperation mit dem Palais de Tokyo, Paris, eine Kulturgeschichte des Sehens. Im Zentrum steht das Diorama, das Ereignisse, Geschichten und Lebensräume mit unterschiedlichen gestalterischen Mitteln wirklichkeitsgetreu inszeniert und rekonstruiert. Im 19. Jahrhundert vom französischen Maler und Wegbereiter der Fotografie, Louis Daguerre, als eine mit Lichteffekten belebte Schaubühne konzipiert, wurde es als Schaukasten aus Glas für Naturkundemuseen zur Illustration von Wissen die Präsentationsform schlechthin. Das Diorama setzt die menschliche Kenntnis der Welt in Szene, nicht ohne dabei die Wahrnehmung des Betrachters zu beeinflussen und nachhaltig herauszufordern.

Von der Moderne bis heute ist das Diorama eine wesentliche Inspirationsquelle: Zahlreiche Künstlerinnen und Künstler des 20. und 21. Jahrhunderts setzen sich in ihren Arbeiten mit dem inszenierten Sehen auseinander, indem sie das Diorama und die Illusion einer rekonstruierten Wirklichkeit hinterfragen und dekonstruieren. Die Ausstellung in der Schirn wird beeindruckende Dioramen und Werke von Künstlern wie Mark Dion, Isa Genzken, Hiroshi Sugimoto und Jeff Wall präsentieren.

GLANZ UND ELEND IN DER WEIMARER REPUBLIK – VON OTTO DIX BIS JEANNE MAMMEN – 27. OKTOBER 2017 – 25. FEBRUAR 2018

Soziale Spannungen, politische Kämpfe, gesellschaftliche Umbrüche, aber auch künstlerische Revolutionen und Neuerungen charakterisieren die Weimarer Republik. In einer großen
Themenausstellung wirft die Schirn Kunsthalle Frankfurt einen Blick auf die Kunst im Deutschland der Jahre 1918–1933. Zahlreiche Künstlerinnen und Künstler hielten mit individueller Handschrift die Geschichten ihrer Zeitgenossen einprägsam fest: Realistische, ironische und groteske Arbeiten verdeutlichen den Kampf um die Demokratie und zeichnen das Bild einer Gesellschaft in der Krise und am Übergang. Die Verarbeitung des Ersten Weltkriegs mit Darstellungen von verkrüppelten Soldaten und von „Kriegsgewinnlern“, die Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, die Großstadt mit ihrer Vergnügungsindustrie und die zunehmende Prostitution, die politischen Unruhen und wirtschaftlichen Abgründe werden stilistisch ebenso vielfältig interpretiert wie das Rollenbild der „Neuen Frau“, die Debatten um die Paragrafen 175 und 218 – Homosexualität und Abtreibung –, die sozialen Veränderungen durch die Industrialisierung oder die wachsende Begeisterung für den Sport.

Die Ausstellung versammelt rund 200 Arbeiten von bekannten und bisher auch wenig beachteten Künstlerinnen und Künstlern – darunter Max Beckmann, Kate Diehn-Bitt, Otto Dix, Dodo, Conrad Felixmüller, George Grosz, Carl Grossberg, Hans und Lea Grundig, Karl Hubbuch, Lotte Laserstein, Alice Lex-Nerlinger, Elfriede Lohse-Wächtler, Jeanne Mammen, Oskar Nerlinger, Franz Radziwill, Christian Schad, Rudolf Schlichter, Georg Scholz und Richard Ziegler. Zusammen mit historischen Fotografien, Filmen, Zeitschriften und Plakaten entwirft die Schirn ein eindrückliches Panorama der Kunst der Weimarer Republik.

ÖFFNUNGSZEITEN DER SCHIRN KUNSTHALLE: DIENSTAG, FREITAG BIS SONNTAG 10–19 UHR, MITTWOCH UND DONNERSTAG 10–22 UHR
ONLINEMAGAZIN www.schirn-magazin.de

(Quelle: Frankfurter Schirn / Foto: Richard Gerstl, Die Familie Schönberg, Ende Juli 1908, Öl auf Leinwand, 88,8 x 109,7 cm, Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien)

gateurope.de_2017-01-21 17:38:01