Klimawandel: Hitzestress und kaum noch Schnee

Im Auftrag der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen erarbeitete Dr. Stefanie Groll eine Studie über die „Brennpunkte des Klimawandels in Deutschland“ aus deren Zusammenfassung wir hier zitieren:

Im Sommer 2015 ist ganz Europa von einer ungewöhnlichen Hitzewelle betroffen. In Spanien, Frankreich, Italien aber auch Deutschland wurden örtlich Temperaturen über 40 °Celsius gemessen – Rekordhitzen seit Beginn der Wetteraufzeichnungen.

In Deutschland stieg das Thermometer im Juli und August 2015 noch höher als im bis dato heissten Sommer 2003. Laut Fünftem Sachstandsbericht (AR5) des Weltklimarates (IPCC) ist es „sehr wahrscheinlich“, dass menschlicher Einfluss für die globale Erwärmung verantwortlich ist.

Hitze und mehr Regen

Die Auswirkungen des globalen Klimawandels sind bereits in Deutschland zu spüren. Bis zur Mitte des Jahrhunderts rechnen Klimawissenschaftler unter anderem mit diesen Trends und Ereignissen:

⇒ Temperaturanstieg je nach Region und Saison um 1,5 bis 3,7°C
⇒ weniger Frosttage, mehr heiße Tage und mehr Tropennächte
⇒ klimatische Wasserbilanz nimmt flächendeckend ab
⇒ mehr und heftigere Niederschläge im Sommer als derzeit im Sommer
⇒ weniger Niederschläge im Winter als derzeit im Winter
⇒ im Vergleich zum Sommer heizt der Winter mehr auf
⇒ Meeresspiegelanstieg im Mittel um 30 Zentimeter, regional deutlich höher

Die Alpen – bald schneefrei?

Es ist nicht unwahrscheinlich, dass in den Alpen bis zur Mitte des Jahrhunderts eine Erwärmung von 2°C eintritt, bis 2080 ist ein Anstieg von 4°C möglich (jeweils gegenüber dem Referenzzeitraum 1961-1990). Für den Wintersport in den bayerischen Alpen hat dies erheblich Konsequenzen.

Die dortigen Skiregionen liegen vergleichsweise niedrig. Bei einem Temperaturanstieg um 2°C sind nur noch die höchst gelegenen Skigebiete Zugspitze und Nebelhorn natürlich schneesicher. Mit Hilfe von Beschneiungsanlagen, die ökonomisch wie ökologisch fragwürdig sind, kann künstliche Schneesicherheit geschaffen werden, aber auch nur in höheren Lagen: Für Pisten um Bad Tölz und Füssen beispielsweise würde auch das nicht mehr funktionieren.

Wenn die Temperatur um 2°C steigt, würden Schneekanonen lediglich sechs Skigebiete bei Oberstdorf, Garmisch-Patenkirchen und Bayrisch Zell „schneesicher“ machen.

Großstädte als Glutöfen

An heißen Sommertagen verwandeln sich Großstädte in Glutöfen. Selbst in der Nacht kühlt es sich nicht richtig ab. Die dichte Bebauung und das hohe Aufkommen am motorisierten Individualverkehr führen in den Innenstädten zu einer immensen Wärmeproduktion. Gebäude und Straßen speichern die Tageswärme. Die Städte bleiben heiß und im Vergleich zum Umland kann der Temperaturunterschied bis zu 10°C betragen. Ein so starker „Wärmeinseleffekt“ wurde zum Beispiel für Kölner Innenstadt- und Außenbezirke nachgewiesen.

Verschiedene Untersuchungen deuten darauf hin, dass steigende Temperaturen bis zum „Hitzetod“ führen können. Für Berlin konnte nachgewiesen werden, dass rund 5% aller Todesfälle in den Jahren von 2001 bis 2010 statistisch mit erhöhten Lufttemperaturen korreliert sind.

Stromnot im Schwabenländle?

Baden-Württemberg, insbesondere der Oberrheingraben und städtische Ballungsgebiete wie Stuttgart und Karlsruhe, sind sehr anfällig für direkte und indirekte Folgen des Klimawandels. Wer schon mal im Hochsommer im Stuttgart war weiß, dass dieser Kessel wirklich kocht. Hitze und Trockenheit im Sommer macht nicht nur den Stadtmenschen zu schaffen. Auch die Energieproduktion im Industrieland Baden-Württemberg wird in Mitleidenschaft gezogen.

Atom- und Steinkohlekraftwerke, die zentralen Erzeugungskapazitäten im Ländle, benötigen das Wasser der vorbeifließenden Flüsse als Kühlwasser. Sind die Flüsse zu stark erwärmt und führen sie zu wenig Wasser, müssen die Kraftwerke abgeregelt werden.

Im Rekordsommer 2003 mussten die Atomkraftwerk Obrigheim und Neckarwestheim II aus diesem Grund gleich ganz abgeschaltet werden. Auch die in Baden-Württemberg traditionell starke Wasserkraft ist von Niedrigwasser negativ betroffen: Zu wenig Wasser in den Flüssen treibt die Turbinen nicht richtig an und so kommt es auch hier zu Einschränkungen.

Die erwartete Zunahme von Niedrigwasserperioden ist nur eines von vielen Klimawandel-Phänomenen, die die Versorgungssicherheit in Baden-Württemberg gefährden können.

Extremwetterereignisse wie Hagel und Orkane könnten die „Stromautobahnen“ zerstören, die mittelfristig erneuerbaren Strom aus dem Norden in den Süden bringen sollen.

Thüringer Wälder anfällig für Schädlingsbefall

Den Thüringer Wäldern und die Thüringer Forstwirtschaft gelten als mäßig bis stark durch den Klimawandel gefährdet. Die im Freistaat wichtige Holzindustrie muss sich dem anpassen.

Der Thüringer Wald ist eine Fichten-Domäne und somit von einer Baumart geprägt, die relativ anfällig für Dürren, Hitzebelastungen und Schädlingsbefall ist. Ursprünglich war der Thüringer Wald ein Bergmischwald. Bereits vor einigen hundert Jahren wurde der natürliche Baumbestand abgebaut und durch Fichtenreinbestände ersetzt. Die Fichte ist aufgrund seiner Wuchs- und Verarbeitungseigenschaften nämlich sehr beliebt bei der Holzindustrie.

Die Thüringer Wälder wurden gebietsweise zu „Holzplantagen“ gemacht. Hinzu kommt, dass die immergrüne Fichte auch bei den Waldbesuchern beliebt ist, auch im Winter können sie durch leuchtende Wälder spazieren.

Das Land befindet sich nun in einer Zwickmühle. Es muss einen Mittelweg finden zwischen einem klimaangepassten Waldumbau und den Bedürfnissen der Holz- und Tourismuswirtschaft, die die Fichte lieben.

Hallertauer Hopfen ertrinkt im Starkregen

Im Hallertau, dem größten Hopfenanbaugebiet der Welt, registrieren die Landwirte vermehrt Ernteausfälle durch Extremwetterereignisse wie Hagel und Starkregen. Die Hallertau in der Mitte Bayerns ist das größte zusammenhängende Hopfenanbaugebiet der Welt. Gut die Hälfte des in Europa angebauten Hopfens und gut ein Drittel des weltweit angebauten Hopfens kommt von dort. Nicht nur dieser direkte Klimaschaden am hagel- und staunässeempfindlichen Hopfen macht den Bauern zu schaffen.

Es sind auch die steigenden Versicherungsprämien, die in die Verkaufspreise einkalkuliert werden müssen. Für die globale Wettbewerbsfähigkeit des Hallertauer Hopfens könnte das ein Problem werden, obschon das Grüne Gold des Hallertaus wegen seiner hohen Qualität und Vielseitig für Brauereien von Nordamerika bis China sehr begehrt ist. Es wurde schon spekuliert, dass im Zuge der Hagelereignisse die Bierpreise in Deutschland gestiegen sind. Von Seiten der Brauereien wurde das dementiert.

Starke Winterstürme und Tornados in NRW

Nordrhein-Westfalen ist schon jetzt Spitzenreiter in Sachen Niederschlag, in Folge des Klimawandels dürfte es noch nasser werden an Rhein und Ruhr. Die Hochwassergefahr nimmt zu, wenn sich in Süddeutschland und NRW selbst die Winterniederschläge intensivieren. Der Rheinpegel bei Köln und Düsseldorf dürfte auch in Folge der alpinen Gletscherschmelze steigen. Neben zunehmender Hochwassergefahr zeigt sich eine Tendenz der Zunahme von starken Winterstürmen und Tornados.

Wann, wo und in welcher Intensität sie auftreten, vermögen Klimawissenschaftler jedoch nicht zu sagen.

Wie in den Ballungsgebieten im Oberrheingraben besteht auch in der Metropolregion Ruhr und in den rheinischen Großstädten die Gefahr zunehmenden Hitzestresses.

Ein Andenken wird man in absehbarer Zeit dem Wintersport in NRW setzen müssen. Im Sauerland wird der meiste Niederschlag im Winter nur noch als Regen fallen. Steigende Temperaturen machen dann künstliche Beschneiung sinnlos.

(Quelle: Bündnis 90/Die Grünen)

gateurope-2015-10-15 17:40:09