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Innovation in .de: Nachholbedarf in vielen Bereichen

Der Innovationsindikator 2017 zeigt: Deutschlands Innovationssystem steht nur auf den ersten Blick gut da. Wirklich abheben kann sich Deutschland im internationalen Wettbewerb nicht. In einem zentralen zukünftigen Handlungsfeld, der digitalen Transformation, scheinen gerade die USA und Großbritannien einen erheblichen Vorsprung zu haben. Darauf weist der für diesen Bericht eigens erstellte Digitalisierungsindikator hin. Der Innovationsindikator kann Anhaltspunkte für den Dialog von Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Gesellschaft bieten, meinen die Herausgeber.

Herausgeber des Berichtes 2017, aus dem wir Auszüge veröffentlichen, sind das Fraunhofer Institut, die deutsche Akademie der Technikwissenschaften, der Bundesverband der deutschen Industrie sowie das Zentrum für europäische Wirtschaftsforschung.

Gemessen am Digitalisierungsindikator, der für diese Ausgabe des Innovationsindikators erstellt wurde, liegt Deutschland deutlich hinter anderen Industrienationen zurück (Rang 17). Das gilt besonders für die Bereiche Forschung/Technologie (Rang 16), Bildung (Rang 17) und Infrastruktur/Staat (Rang 19).

Der Digitalisierungsindikator weist für die USA in allen Teilbereichen außer im Bereich Gesellschaft einen höheren Wert aus als für Deutschland. Aber auch die Werte für Großbritannien übertreffen – mit Ausnahme des Bereichs Forschung und Technologie – deutlich die Werte für Deutschland. Die niedrige Bewertung Deutschlands im Bereich Infrastruktur/Staat ist vor allem auf eine unzureichende Breitbandversorgung und einen geringeren Digitalisierungsgrad der öffentlichen Verwaltung zurückzuführen.

Im Bereich Forschung/Technologie weist der Digitalisierungsindikator für Deutschland ebenfalls einen deutlich niedrigeren Wert aus als beispielsweise für Südkorea, die USA oder Japan. Bei der Durchdringung mit digitalen Technologien (zum Beispiel Softwarelösungen, Cloud-Computing) liegen deutsche Unternehmen lediglich im Mittelfeld. Bei kleinen Unternehmen ist die Durchdringung besonders gering. Großbritannien, Japan und die USA liegen im Teilbereich Wirtschaft des Digitalisierungsindikators deutlich vor Deutschland.

Im Bereich digitaler Geschäftsmodelle ist der Abstand zu den USA und Großbritannien sogar noch größer. Im Teilbereich Bildung liegen Großbritannien und Südkorea deutlich vor Deutschland. Den höchsten Wert für Deutschland weist der Digitalisierungsindikator im Bereich Gesellschaft auf. Ein vergleichsweise hoher Nutzungsgrad digitaler Lösungen/Technologien in der Bevölkerung kann ein Gradmesser für die gesellschaftliche Aufgeschlossenheit beziehungsweise Akzeptanz der Digitalisierung sein. Unter den großen Industrienationen zeigt nur Großbritannien höhere Werte als Deutschland.

Die mit Abstand höchsten Werte im Innovationsindikator erreichen auch dieses Jahr die Schweiz und Singapur. Die Schweiz ist das einzige Land, für das der Innovationsindikator in allen fünf Teilbereichen des Innovationssystems sehr hohe Werte ausweist. Deutschland liegt im Gesamtranking des Innovationsindikators mit den anderen großen Industrienationen USA,  Großbritannien, Südkorea und Frankreich quasi gleichauf. Innerhalb der fünf Teilbereiche des Innovationssystems zeigen die Länder zum Teil aber sehr unterschiedliche Leistungen.

Das deutsche Innovationssystem mit seinen Unternehmen, Universitäten und Forschungseinrichtungen ist bei der Entwicklung von neuer Hardware zur Digitalisierung wie  Kommunikationstechnik, Computertechnik und Mikroelektronik zwar leistungsfähig, gemessen an der Wertschöpfung ist dieser Bereich aber relativ klein.

Im Bereich Software und Informatik ist die Position des deutschen Innovationssystems, im Hinblick auf die Höhe der FuE-Ausgaben (FuE = Forschung und Entwicklung) , besser, der Abstand zu den führenden Ländern wie den USA oder Israel, aber auch Finnland, Singapur oder der Schweiz ist beträchtlich. Hier gilt jedoch hervorzuheben, dass das deutsche Innovationssystem insbesondere bei Embedded Software, also in die Hardware eingebetteten Softwaresteuerungen, eine gute Wettbewerbsposition hat.

Demgegenüber haben deutsche Unternehmen Schwächen bei Betriebssystemen, digitalen Geschäftsmodellen und Internetanwendungen. Ein Pluspunkt in Deutschland ist der hohe Nutzungsgrad digitaler Lösungen und Technologien in der Gesellschaft. Mit 58 Punkten ist dies der Teilindikator mit dem höchsten Wert im Vergleich zu den anderen Teilbereichen.

Ausschlaggebend dafür ist der hohe Anteil der Bevölkerung, der online einkauft – mit 80 Prozent erreicht Deutschland hier den dritthöchsten Wert – und die hohe Internetausstattung der Haushalte. Im Vergleich zu den skandinavischen Ländern mit 80 bis 90 Punkten ist der Abstand zur Spitze aber auch hier beträchtlich.

Zu den Hemmnissen auf dem Weg zu einer Plattformökonomie zählen in Deutschland unter anderem der Mangel an Spitzen-IT-Spezialisten und Fachleuten mit hybriden Kompetenzen wie Ingenieure mit Software-/Datenkompetenz und betriebswirtschaftlichen Kenntnissen. Weitere Hemmnisse betreffen die IT-Sicherheit und rechtliche Regelungen sowie die Frage, wie mit der notwendigen Offenheit von Schnittstellen umgegangen werden soll.

Die Expertenkommission Forschung und Innovation kommt in ihrem Gutachten 2016 zu dem Schluss, dass deutsche Unternehmen ihren Konkurrenten in anderen Ländern in der Anwendung von Cloud-Computing und Big-Data Ansätzen hinterherhinken. Software, digitale Technologien und neue Geschäftsmodelle würden zu oft als Kostentreiber und zu selten als Chancen für eine aussichtsreiche Positionierung im Wettbewerb gesehen.

In Deutschland besteht eine weitgehende Versorgung mit Internetanschlüssen im mittleren Bereich, also rund 30 Megabits pro Sekunde (Mbit/s). Einige ländliche Gebiete gelten allerdings selbst hier noch als unterversorgt. Die aktuellen Zahlen der Europäischen Kommission weisen für ganz Deutschland einen Versorgungsgrad mit Breitbandtechnologien um die 30 Mbit/s von 81,4 Prozent aus. Diesen mittleren Mbit/s-Bereich nennt die Kommission NGA Coverage (NGA = Next Generation Access Networks).

Sie hat in ihrer Digitalen Agenda das Ziel formuliert, bis zum Jahr 2020 allen europäischen Haushalten Zugang zu Internetanschlüssen mit einer Geschwindigkeit von mindestens 30 Mbit/s zu ermöglichen.Betrachtet man die ländlichen Gebiete, zeigt sich eine Verfügbarkeit von 30 Mbit/s nur noch bei 36,4 Prozent der Haushalte in Deutschland. Ein noch kritischeres Bild ergibt sich, wenn man die hochbitratigen, glasfasergestützten Anschlüsse Fiber to the Home (FTTH) und Fiber to the Property (FTTP) betrachtet.

Glasfaseranschlüsse ermöglichen Geschwindigkeiten von 100 Mbit/s bis in den Gigabit/s-Bereich und erfüllen dabeisehr hohe Qualitätsanforderungen wie Up-Downloadsymmetrie, Echtzeitfähigkeit und Stabilität. Für viele künftige Internetanwendungen im privaten und geschäftlichen Umfeld werden diese Eigenschaften immer wichtiger. Deswegen gilt die Versorgung mit Glasfaseranschlüssen als Indikator für die Zukunftsfähigkeit der Internetinfrastruktur in einem Land .

Bei den Glasfaseranschlüssen findet sich Deutschland jedoch in allen Statistiken in der Gruppe der am schlechtesten versorgten Länder in Europa. In der genannten Studie der Europäischen Kommission belegt Deutschland zum Beispiel Platz 28 von 32. Die aktuellen Fördermaßnahmen des Bundes orientieren sich jedoch nach wie vor an erreichbaren  Übertragungsgeschwindigkeiten, derzeit mindestens 50 Mbit/s im Download. Ein Infrastrukturziel, das sich konkret auf Glasfaserleitungen festlegt, wie dies derzeit zum Beispiel in Schleswig-Holstein und anderen Bundesländern versucht wird, ist auf Bundesebene derzeit nicht in der Diskussion.

Der wohl kritischste Punkt der digitalen Transformationsfähigkeit Deutschlands liegt in der Umorientierung der heutigen wirtschaftlichen Strukturen in Richtung Plattformökonomie und Smart Services. Hier ist ein grundsätzliches Umdenken gerade in den bisherigen Leitbranchen der deutschen Wirtschaft gefordert.

Lange Zeit beruhte die starke Stellung deutscher Unternehmen im Weltmarkt auf hoher technologischer Kompetenz und Innovationsvorsprüngen sowie einer Ausrichtung auf qualitativ anspruchsvolle Marktsegmente bei hocheffizienter Produktion. Nun gilt es, die Geschäftsmodelle vom Kunden her neu aufzurollen und dabei individualisiert Produkt-Service-Pakete und offene Plattformansätze zu verfolgen.

Außerdem müssen Innovationsprozesse neu aufgestellt werden, und zwar viel offener und kollaborativer als in der Old Economy und vor allem mit einer deutlich höheren Geschwindigkeit.

( Quelle: Innovationsindikator 2017 / Foto: gateurope)

gateurope.de_2017-07-25 10:53:12