Kluft zwischen den Generationen wächst

Mit dem EU-Gerechtigkeitsindex untersucht die Bertelsmann Stiftung jährlich anhand von 35 Kriterien die Teilhabechancen in den 28 EU-Mitgliedstaaten. Und kommt trotz wirtschaftlicher Erholung zu dem Schluß: Die Kluft zwischen Jung und Alt nimmt zu, die soziale Spaltung zwischen Nord- und Südeuropa bleibt immens.

Allein in Spanien, Griechenland, Italien und Portugal ist die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht sind, seit 2007 um 1,2 Millionen von 6,4 auf 7,6 Millionen gestiegen. Sie leben entweder in Haushalten mit weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens, leiden unter schweren materiellen Entbehrungen oder wachsen in quasi erwerbslosen Haushalten auf.

Negativste Entwicklung im Süden Europas

Auch in der Altersgruppe von 20 bis 24 Jahren befinden sich viele EU-Bürger in prekären Situationen. Von ihnen sind 5,4 Millionen (17,8 Prozent) weder in Beschäftigung noch in Ausbildung. In 25 Mitgliedstaaten der EU hat sich ihre Zahl seit 2008 teils erheblich erhöht, nur in Deutschland und Schweden hat diese Altersgruppe in den vergangenen Jahren an Perspektive gewonnen.

Die negativste Entwicklung hingegen verzeichneten die südeuropäischen Länder: In Spanien kletterte der Anteil der 20- bis 24-Jährigen, die weder in Beschäftigung noch in Ausbildung sind, von 16,6 auf 24,8 Prozent, in Italien sogar von 21,6 auf 32 Prozent.

In der längerfristigen Beobachtung wächst europaweit auch die Kluft zwischen den Generationen. Während der Anteil der von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedrohten Kinder im EU-Durchschnitt seit 2007 von 26,4 auf 27,9 Prozent gestiegen ist, hat sich der entsprechende Anteil in der Bevölkerungsgruppe ab 65 Jahren von 24,4 auf 17,8 Prozent verringert. Hauptgrund: Im Laufe der Krise sind die Renten und Altersbezüge der älteren Menschen nicht beziehungsweise nicht so stark geschrumpft wie die Einkommen der jüngeren Bevölkerung.

Steigende Verschuldung belastet Jüngere

Verschärft wird die gegensätzliche Entwicklung zwischen Jung und Alt durch drei europaweite Trends: Steigende Verschuldung der öffentlichen Haushalte belastet vor allem die jüngeren Generationen; Zukunftsinvestitionen in Bildung oder Forschung und Entwicklung stagnieren; und alternde Gesellschaften erhöhen den Druck auf die Finanzierbarkeit sozialer Sicherungssysteme. Der Schuldenstand der EU-Staaten etwa hat sich im Verhältnis zu deren Wirtschaftsleistung im Durchschnitt von 63 Prozent im Jahre 2008 auf inzwischen 88 Prozent erhöht.

Aart De Geus, Vorstandsvorsitzender der Bertelsmann Stiftung, warnte vor den weiteren Folgen: „Wir können uns eine verlorene Generation in Europa weder sozial noch ökonomisch leisten. Die EU und ihre Mitgliedstaaten müssen besondere Anstrengungen unternehmen, um die Chancen junger Menschen nachhaltig zu verbessern.“

Von Trendwende kann keine Rede sein

De Geus erinnerte dabei an die bereits bestehende Beschäftigungsgarantie und -initiative der EU für junge Menschen. Diese sinnvollen Initiativen müssten in den Mitgliedstaaten konsequent umgesetzt und mit den nötigen finanziellen Mitteln ausgestattet werden. Obwohl in vielen EU-Staaten wieder leichte Aufwärtsentwicklungen am Arbeitsmarkt zu erkennen sind, kann von einer umfassenden Trendwende in Sachen sozialer Gerechtigkeit nach Jahren der Abwärtsentwicklung noch nicht die Rede sein.

Deutschland liegt im Gesamtindex auf dem siebten Rang. Positiv zu Buche schlägt vor allem die sehr gute Arbeitsmarktsituation. Die Bundesrepublik hat im EU-Vergleich mit 73,8 Prozent inzwischen die zweithöchste Beschäftigungsquote hinter Schweden und ist zugleich das Land mit der niedrigsten Jugendarbeitslosigkeit (7,7 Prozent).

40 Prozent in atypischen Beschäftigungsformen

Allerdings befinden sich rund 40 Prozent aller abhängig Beschäftigten in so genannten atypischen Beschäftigungsformen und der Anteil der Menschen, die trotz Vollzeitjob von Armut bedroht sind, ist zwischen 2009 und 2013 von 5,1 auf 6,3 Prozent gestiegen.

Der in der EU insgesamt feststellbare Trend einer wachsenden Kluft zwischen Jung und Alt bei Armut und sozialer Ausgrenzung ist in Deutschland jedoch weniger ausgeprägt als in vielen anderen EU-Staaten. Doch auch hierzulande ist etwa der Anteil der unter 18-Jährigen, die von schweren materiellen Entbehrungen betroffen sind, höher als in der Bevölkerung ab 65 Jahren (5 Prozent gegenüber 3,2 Prozent).

Insgesamt hat sich Deutschland in Sachen Generationengerechtigkeit im Vergleich zur Vorjahresuntersuchung von Rang 10 auf Rang 15 verschlechtert. Die Rentenreformen haben sich negativ in der Bewertung niedergeschlagen. Auch im Bereich Bildungszugang kommt Deutschland angesichts des vergleichsweise starken Zusammenhangs zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg nicht über einen fünfzehnten Rang hinaus.

Über den EU-Gerechtigkeitsindex

Es werden sechs verschiedene Dimensionen sozialer Gerechtigkeit betrachtet: Armut, Bildung, Arbeitsmarkt, Gesundheit, Generationengerechtigkeit sowie gesellschaftlicher Zusammenhalt und Nicht-Diskriminierung. Die Datenerhebung wurde am 25.8.2015 abgeschlossen.

(Quelle: Bertelsmann Stiftung / Foto: GATEUROPE)

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