Margaret E. Atwood erhält den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels

Margaret Atwood Screenshot

Der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels geht 2017 an die kanadische Schriftstellerin Margaret Atwood. Diese Entscheidung wurde in weiten Teilen der deutschen Presse begrüßt. In der Begründung der Preis-Jury heißt es: „Die kanadische Schriftstel­lerin, Essayistin und Dichterin zeigt in ihren Romanen und Sachbüchern immer wieder ihr politisches Gespür und ihre Hellhörigkeit für gefährli­che unterschwellige Entwicklungen und Strömungen.“

Und weiter: „Als eine der bedeu­tendsten Erzählerinnen unserer Zeit stellt sie die sich wandelnden Denk- und Verhaltensweisen ins Zentrum ihres Schaffens und lotet sie in ihren utopischen wie dystopischen Werken furchtlos aus. Indem sie mensch­liche Widersprüchlichkeiten genau beobachtet, zeigt sie, wie leicht ver­meintliche Normalität ins Unmenschliche kippen kann. Humanität, Ge­rechtigkeitsstreben und Toleranz prägen die Hal­tung Margaret Atwoods, die mit wachem Bewusstsein und tiefer Men­schenkenntnis auf die Welt blickt und ihre Analysen und Sorgen für uns so sprachgewaltig wie lite­rarisch eindringlich formuliert. Durch sie erfahren wir, wer wir sind, wo wir stehen und was wir uns und einem friedlichen Zusammenleben schuldig sind.“

Über die Biografie der 77 jährigen Autorin heißt es: Margaret Eleanor Atwood, geboren am 18. November 1939 im kanadischen Ottawa, verbringt den größten Teil ihrer Kindheit in den Wäldern im Norden Quebecs, wo ihr Vater als Biologe Insektenforschung betreibt. Sie, ihr älterer Bruder und ihre jüngere Schwester werden in dieser Zeit von der Mutter unterrichtet. Nachdem der Vater 1946 eine Anstellung an der Universität Toronto annimmt, besucht Margaret Atwood dort die Highschool und studiert von 1957 bis 1962 in Toronto und Cambridge/Massachusetts Englisch und Literatur. 1963 beginnt ihre Berufstätigkeit bei einer Marktforschungsfirma. Ab 1964 ist sie als Literaturwissenschaftlerin an verschiedenen Universitäten tätig.

Erste Gedichte (wie »The Circle Game«) publiziert sie bereits Anfang der 1960er Jahre im »Selbstdruckverfahren«. Mit weiteren Lyrikpublikationen macht sie sich in den 1970er Jahren einen weithin geachteten Namen. Seitdem liegt der Schwerpunkt ihrer Tätigkeit auf der schriftstellerischen Arbeit. Sie gilt als wichtigste und erfolgreichste Autorin Kanadas, deren Werk, bestehend aus Romanen, Kurzgeschichten, Essays, Lyrik, Theaterstücken, Drehbüchern und Kinderbüchern in mittlerweile mehr als 30 Sprachen erschienen ist.

Mit der Veröffentlichung ihres ersten literaturkritischen Werks »Survival: A Thematic Guide to Canadian Literature« (1972), in dem sie sich mit Witz und Prägnanz der Rollen der kanadischen Literaturgeschichte annimmt, und ihrer ersten beiden Romane »Die essbare Frau« (1969; dt. 1985) und »Der lange Traum« (1972; dt. 1979), in denen sich mit dem Rollenverständnis von Frauen im modernen Kanada auseinandersetzt, erlangt sie national wie auch international erste größere Bekanntheit.

1985 (dt. 1987) veröffentlicht Margaret Atwood mit »Der Report der Magd« einen utopischen Roman in der Tradition George Orwells, in dem sie eine totalitäre Gesellschaft beschreibt, in der Frauen als Gebärmaschinen benutzt und unterdrückt werden. Dass sie bei diesem Werk, der einen ersten Höhepunkt in ihrer bereits beeindruckenden literarischen Karriere bedeutet, soziale Tendenzen aus der Gegenwart aufgreift und mit ihnen Spekulationen für die Zukunft erdenkt, erhält der Roman, der 1989 von Volker Schlöndorff mit dem Titel »Die Geschichte der Dienerin« verfilmt wird, eine zeitlose Aktualität. Gerade deswegen erfährt er heute in der US-amerikanischen Gesellschaft unter Donald Trump eine Renaissance, die ihn zurück in die Bestsellerlisten bringt.

Nach »Katzenauge« (1988, dt. 1990) über die Kindheit und Freundschaft von zwei Frauen im Kanada der Nachkriegszeit und »Die Räuberbraut« (1993, dt. 1994), in dem sich Atwood mit den dunklen Seiten von Frauen auseinandersetzt, veröffentlicht sie 1996 mit »Alias Grace« einen Roman nach historischer Vorlage über eine mysteriöse wie schon Magd, die Mitte des 19. Jahrhunderts wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt wird.

Nach der Familiensaga »Der blinde Mörder«, ein breit angelegtes Sittenbild der kanadischen Gesellschaft im vorigen Jahrhundert, für das sie mit dem Booker Prize for Fiction ausgezeichnet wird, wendet sie sich mit ihrer Endzeit-Trilogie »Oryx und Crake« (2003), »Das Jahr der Flut« (2009) und »Die Geschichte von Zeb« (2013, dt. 2014) einem neuen Schwerpunkt zu, der Beschreibung einer postapokalyptischen Welt, durch die sie die ökologischen Auswirkungen und gefährliche Strömungen in der Gesellschaft ins Auge nimmt.

Die mittlerweile auch als Umweltaktivistin agierende Schriftstellerin prägt hierfür den Begriff einer »spekulativen Fiktion«, wobei nichts von dem, was sie in ihren Romanen beschreibt, aus der Luft gegriffen sei. In diese Richtung führt auch ihr gesellschaftskritischer Essay »Payback. Schulden und die Schattenseiten des Wohlstands« (2008), eine Sammlung von Vorträgen, in denen sie sich mit den Voraussetzungen und Folgen der weltweiten Finanzkrise auseinandersetzt. Ausgehend von Fakten aus der Kulturgeschichte, Literatur und Sprachanalyse zeigt sie das Konzept der ökonomischen und moralischen Schuld, die in der Wirtschaftskrise zu finden seien.

Mit »Scribbler Moon«, einem Romanprojekt, das sie 2014 abschließt und das im Rahmen des Future Library Project erst 100 Jahre später, also 2114, veröffentlicht werden darf, den Erzählbänden »Das Zelt“ (2007) und »Die steinerne Matratze (2014, dt. 2016) sowie den Romanen »Das Herz kommt zuletzt« (2015, dt. 2017) und »Hexensaat« (2016, dt. 2017) rundet sie ihr literarisches Oeuvre der vergangenen Jahre ab, in denen sie sich weiterhin auch politisch und gesellschaftlich stark engagiert. Als ein Ergebnis hieraus wird Ende 2017 der Essayband » Aus Neugier und Leidenschaft« erscheinen, in dem der schriftstellerische Kosmos von Margaret Atwood mit Rezensionen, Reisebereichten, Schriften zu ökologischen Themen und Erzählungen vorgestellt wird. Gemeinsam mit Salman Rushdie führt sie seit Mai 2017 eine von mehr als 200 Schriftsteller/innen und Künstler/innen unterstütze Kampagne von PEN International an, die zum Ziel hat, verfolgten und von Zensur bedrohten Menschen Unterstützung und größere Aufmerksamkeit zu geben.

Margaret Atwood lebt mit ihrem zweiten Mann, dem Schriftsteller Graeme Gibson, in Toronto. Hier befindet sich auch die von ihr gegründete Margaret Atwood Society, in deren Mittelpunkt die internationale Vernetzung der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit ihrem Werk steht, für das sie zahlreiche Ehrendoktorwürden erhalten hat.

Auszeichnungen

2017 Friedenspreis des Deutschen Buchhandels
2017 Franz Kafka Preis, Tschechien
2017 Prize by the National Book Critics Circle for lifetime achievement
2016 PEN Printer Prize
2012 Canadian Booksellers‘ Lifetime Achievement Award
2010 Dan David Award, Israel
2009 Nelly Sachs-Preis
2008 Prinz-von-Asturien-Preis, Spanien
2005 Chicago Tribune Literary Prize
2000 Booker Prize for Fiction
1999 London Literature Award
1996 Giller Prize
1989 Canadian Book-of-the-Year-Award
1986 Los Angeles Times Fiction Award
1978 St. Lawrence Award for Fiction
1977 und 1989 Canadian Booksellers‘ Association Award
1977 und 1989 City of Toronto Book Award
1974 Bess Hopkins Prize
1966 Governor General’s Award

(Quelle: Börsenverein des Deutschen Buchhandels / Foto: Screenshot Gateurope)

gateurope.de_2017-06-14 12:12:54