Plakat Victor Moscoso Glasses

San Francisco 1967 – Sommer of Love: Die Plakate

Lange ist es her: Vor dem Hintergrund schwerer Rassenunruhen, dem Vietnamkrieg und einer konsumorientierten Gesellschaft, entwickelte sich in San Francisco der 1960er Jahre eine Gegenkultur, die nach neuen Wegen im Zusammenleben von Menschen und Staaten suchte. Neben dem Dresscode war es vor allem die Musik von Jefferson Airplaine, The Grateful Dead, The Doors oder Jimi Hendrix und Janis Joplin, die der Bewegung Ausdruck verlieh.

Die – später so genannte – Hippie-Bewegung fand mit dem Summer of Love 1967 in San Francisco ihren einmaligen Höhepunkt. Zum 50. Jubiläum widmet das Museum Folkwang in Essen der Hippiekultur noch bis Anfang September eine umfangreiche Ausstellung.

Rund 250 psychedelische Plakate – ergänzt durch Fotografien, Schallplattencover und Konzertkarten – ermöglichen einen umfassenden Einblick in diese wichtige Umbruchphase. San Francisco 1967 (9. Juni – 3. September 2017), so der Titel der Ausstellung, ist die bisher größte Plakatausstellung zum Summer of Love in Europa überhaupt.

Geworben wurde vor allem mit Plakaten. Dem psychedelischen Plakat – der richtungsweisenden visuellen Hinterlassenschaft jener Jahre um 1967 – widmet sich diese Ausstellung. Gezeigt werden 246 Plakate, ergänzt durch Theaterzettel, Konzerttickets, Schallplattencover, Soundeffekte und der Installation einer originalen Joshua Light Show von 1967.

Die Themenfelder der Ausstellung rücken Vietnamkrieg, Musikkultur, afroamerikanische Bürgerrechtsbewegung, sexuelle Befreiung und Alltagskultur in den Fokus. Den Künstlern ist es in kürzester Zeit gelungen, einen völlig neuen Stil zu kreieren.

Europa diente unter anderem mit Elementen des Jugendstils und der Wiener Sezession als Inspirationsquelle. Auch die zeitgenössische amerikanische Kunst und neue Strömungen wie etwa die Pop Art griffen namhafte Plakatkünstler und Designer wie Victor Moscoso, Bonnie MacLean, Gary Grimshaw, Lee Conclin, Bob Schnepf und andere auf.

Die Plakate belegen, dass die Hippiekultur – jenseits aller verkürzenden Klischees – sich in vielen unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen engagierte. Sie dokumentieren in ihren Formen, Farben und Themen eine ungewöhnliche Zeit voller Ideale. Die Designs des psychedelischen Plakats gehören zu den kreativen Höhepunkten der Plakatgeschichte. Ermöglicht wurde die Ausstellung durch Leihgaben des Hannoveraner Sammlerpaares Lutz Hieber und Gisela Theising.

Ausgangspunkt des Summer of Love war das Happening, „Human Be-In“, das am 14. Januar 1967 im Golden Gate Park in San Franciscos stattfand. Zu diesem Anlass traten die unterschiedlichen Gruppierungen der sogenannten „Counterculture“ miteinander in Austausch: Der Poet Gary Snyder vertrat die Beat-Generation, Jerry Rubin die Studentenbewegung der nahegelegenen Universitätsstadt Berkeley, Allen Cohen – als Herausgeber der Zeitschrift San Francisco Oracle – die Hippie-Kultur. Tatsächlich trug dieses Zusammentreffen zu einer grundlegenden Erneuerung der US-amerikanischen Kultur bei, die in den 1960er Jahren in viele Länder der westlichen Welt ausstrahlte.

Medienberichte über die Kultur der neuen Freiheiten lockten zahlreiche junge Menschen ins „HippieViertel“ Haight-Ashbury. Die medizinische Versorgung geriet dadurch an ihre Grenzen. Dr. David E. Smith gründete die Free Medical Clinic um diesen Problemen entgegenzuwirken. Unterstützt wurde seine nicht-staatliche Klinik durch Benefiz-Konzerte. Während die Stadtverwaltung in Bezug auf die Überbevölkerung und die medizinische Unterversorgung ihre Aufgaben vernachlässigte, nahmen polizeiliche Maßnahmen zu. Die Freiheiten, die sich die Hippie-Kultur nahm, sollten eingeschränkt werden.

Die Initiative HALO (Haight Ashbury Legal Organization) gründete sich und bot juristische Beratung an. Soziales Die Protagonisten der Hippie-Bewegung engagierten sich bei verschiedenen sozialen Fragen. Mehrere Benefiz-Veranstaltungen dienten der Unterstützung der National Farm Workers of America (NFWA). Diese Gewerkschaft organisierte Streiks von Traubenleserinnen und -lesern in Delano, dem Zentrum des kalifornischen Weinbaus. Ende der 1960er Jahre fanden überall im Land Rassenunruhen statt. Durch die finanzielle Unterstützung des „Council for Civic Unity“ trugen die Hippies maßgeblich zur Stärkung der afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung bei. Ihr Engagement richtete sich auch auf die Radiostation KPFA, eine seit Jahrzehnten einflussreiche Stimme der kritischen Kultur.

Die KPFA-Sendungen der 1960er Jahre gaben zuverlässige Berichte von der Studentenbewegung der Universität Berkeley und von den Protesten gegen den Krieg in Vietnam.

Der Konsum von Drogen war präsent im Alltag der Hippies. Für die Legalisierung von Marihuana setzte sich die Initiative LEMAR (LEgalize MARihuana) ein. Heroin-Abhängige hingegen sollten als Menschen mit Sucht-Problemen medizinisch behandelt werden – sie bräuchten Hilfe statt Gefängnis. Da die Polizei den Marihuana-Gebrauch verfolgte, sind psychedelische Plakate mit diesem Thema, als Statements gegen die festgefahrenen Denkweisen des konservativen Oberschicht Amerikas weißangelsächsisch-protestantischen Machtblocks zu lesen.

Im Vietnam-Krieg bildete die Hippie-Kultur eine starke Säule des Widerstandes. Bereits im April 1967 fand eine Woche der Mobilisierung gegen den Krieg statt. Anders als die konventionelle Linke, die ihre Forderungen mittels Demonstrationen und verbaler Appelle an die Regierung vorbrachte, drückte die Counterculture ihren politischen Protest durch ihr Lebensgefühl aus: musikalisch mit Acid Rock und bildlich mit psychedelischen Plakaten. Die Antikriegsbewegung prägte die öffentliche Diskussion und trug dadurch maßgeblich zum Ende des Kriegs in Vietnam bei.

Zu den Initiativen der Kriegsgegnerinnen und -gegner zählten die Benefiz-Veranstaltungen der Quäker zugunsten von medizinischer Hilfe für Nordvietnam, zur Unterstützung des Boxers Muhamad Ali (der als Kriegsdienstverweigerer juristischen Beistand benötigte) oder auch eine Veranstaltung der methodistischen Glide Church – einer Kirche, die früh Kontakt mit den Hippies aufgenommen hatte – über Möglichkeiten der Kriegsdienstverweigerung.

Mode und Lebensgefühl der Hippie-Kultur sind bis heute zwei der charakteristischsten Merkmale der Bewegung. Die Hippies machten mit ihrer Kleidung und ihrem Auftreten die „sexuelle Revolution“ populär. Sie brachen beispielsweise mit ihren Langhaarfrisuren und ausgefallenem Blumen- und Federschmuck die gesellschaftlichen Konventionen ihrer Elterngeneration und überwanden somit die bestehenden Geschlechterrollen. Der Fotograf Gene Anthony hat die Experimentierfreude junger Männer und Frauen dokumentiert.

Bill Graham, Musikimpresario, veranstaltete nicht nur „Dance Concerts“, sondern machte sich auch um das moderne Theater verdient. Einmal kombinierte er die Musik der Byrds mit der Aufführung eines Einakters von LeRoi Jones. Ein anderes Mal öffnete er sein Fillmore für das umstrittene Stück The Beard von Michael McClure, das der Fraktion der Sittenwächter zu freizügig erschien. Das Plakat Wes Wilsons, das die Aufführung dieses Stückes ankündigt, unterscheidet sich wesentlich vom damals gängigen Theaterplakat im Boxing-Style. Bemerkenswert ist, dass sowohl das Duo Alton Kelley und Stanley Mouse als auch Victor Moscoso nicht nur Ankündigungen für Musikveranstaltungen schufen, sondern auch Plakate für das Theater.

Als „Diggers“ bezeichnete sich ein Kreis von Aktivistinnen und Aktivisten, der aus der San Francisco Mime Troupe hervorging. Ihr Name ist den englischen Diggers des 17. Jahrhunderts entlehnt, die der Idee folgten, eine Gesellschaft ohne Eigentum und Kommerz aufzubauen. Sie engagierten sich für die Bewältigung der sozialen Probleme in San Francisco, die mit dem Zustrom der Jugendlichen ins HaightAshbury-Viertel entstanden waren. Die Gruppe versorgte die Ankömmlinge mit Schlafgelegenheiten, Kleidung und Lebensmitteln.

Im Winter 1967 wehrten sich die Hippies übrigens gegen die Kommerzialisierung und Vereinnahmung ihrer Ideen und verliessen in Richtung Land San Francisco wieder: On the road again.

Informationen:

San Francisco 1967 -Plakate im Summer of Love
Ausstellungsdauer: 9. Juni – 3. September 2017
Kuratoren: René Grohnert und Lutz Hieber
Ausstellungsfläche: 250 qm
Anzahl der Räume: 3

Es erscheint ein Katalog in der Edition Folkwang/Steidl
Museum Folkwang (Hrsg.): San Francisco 1967. Plakate im Sommer of Love, Göttingen 2017
Mit Texten von Lutz Hieber, John Lyons und Gisela Theising, ergänzt durch einen Jahresüberblick 1967
von René Grohnert, 176 Seiten, rund 320 farbige Abbildungen
ISBN: 978-3-95829-367-0, Preis: 24 €

Öffnungszeiten
Di, Mi: 10 – 18 Uhr
Do, Fr: 10 – 20 Uhr
Sa, So: 10 – 18 Uhr
Feiertage: 10 – 18 Uhr
Mo: geschlossen

Der Eintritt ist frei.

Begleitprogramm: Die Ausstellung wird von einem umfangreichen Veranstaltungs- und Vermittlungsprogramm für Kinder, Jugendliche, Erwachsene, Familien und Schulen begleitet. Termine im Programmflyer oder unter museum-folkwang.de LINK

Quelle: Museum Folkwang / Foto: Victor Moscoso,The Chamber Brothers „Glasses“ (Ausschnitt) San Francisco, 1967, 51 x 36 cm, Sammlungen Lutz Hieber und Gisela Theising, © Victor Moscoso 2017 )

gateurope.de_2017-08-08 20:29:34

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