Landwirte verteilen Lebensmittel in Griechenland

„Bei der Bevölkerung kommt von dem Geld nichts an“

Nach der Zustimmung des Bundestags zum Hilfspaket für Griechenland haben die SOS-Kinderdörfer weltweit gemahnt, der staatlichen Hilfe auch humanitäre Hilfe folgen zu lassen. 40 Prozent aller griechischen Kinder lebten in Armut.  Tendenz: zunehmend.

„Erneut werden mit den Milliarden weitgehend Griechenlands Gläubiger und die Banken bedient. Bei der Bevölkerung kommt von dem vielen Geld nichts an“, erklärte Louay Yassin, Pressesprecher der Hilfsorganisation. Humanitäre Hilfe sei jedoch dringend notwendig: „In Griechenland gibt es kein soziales Netz“, erklärte Yassin. Alle Arbeitslosen fielen spätestens nach einem Jahr ohne Arbeit ins Nichts. Vor allem Alleinerziehende seien verzweifelt. „Sie wissen häufig nicht mehr, wie sie ihre Kinder versorgen sollen.“

„Es war wie ein Atombombeneinschlag“

Besonders aussichtslos sei die Situation für Jugendliche und junge Erwachsene, so die SOS-Kinderdörfer weltweit, die tausende verarmte Familien in Griechenland unterstützen. „Die offizielle Jugendarbeitslosigkeit liegt bei über 50 Prozent. Unseren Berechnungen zufolge sind jedoch fast 70 Prozent aller Jugendlichen ohne Arbeit und Perspektive.“

„Als ich arbeitslos wurde, verloren wir Einkommen, Haus und unsere Sicherheit. Es war wie ein Atombombeneinschlag für uns“, berichtet die alleinerziehende Mutter von zwei Kindern, Sofia Petropoula. „Aber am schlimmsten war es für die Kinder. Es reichte nicht mal mehr für ein Schulbrot.“ Mittlerweile ist jedes dritte Kind aktuell von Armut betroffen.

Eine Arbeitslosenquote von 27 Prozent,  geschlossene Banken und die hohe Besteuerung, treiben viele griechische Familien zur Verzweiflung.

Junge Leute verlassen das Land

Während die Löhne auf den Stand von 1990 fielen, bleiben die Lebenshaltungskosten vergleichsweise hoch. Gut ausgebildete junge Leute verlassen in Scharen das Land auf der Suche nach einer Zukunft.

Der Leiter der SOS-Kinderdörfer George Protopapas: „Familien halten dem Druck nicht mehr Stand und brechen auseinander. Die Vernachlässigung von Kindern und auch Gewalt in Familien nimmt zu, weil die Menschen über lange Zeit unter enormen psychischen Druck stehen“, so Protopapas.

„Den Grad der Verzweiflung kann man auch daran erkennen, dass die Selbstmordraten seit 2011 drastisch ansteigen.“ Wissenschaftler der US-amerikanischen Universität von Pennsylvania sprechen hier von einem Anstieg von 36 Prozent der Selbsttötungen seit Beginn der Finanzkrise.

Zwei weitere Sozialzentren werden gebaut

Die SOS-Kinderdörfer haben auf diese dramatischen Entwicklungen reagiert und materielle – Lebensmittel und Kleidung -, medizinische Hilfen und psychologische Unterstützung drastisch aufgestockt, um Familien, besonders aber Alleinerziehende mit Kindern zu stärken.

„Wir rechnen damit, dass eine weitere Armutswelle auf uns zurollen wird.“, befürchtet der griechische SOS-Direktor. SOS wird deshalb noch zwei weitere Sozialzentren aufbauen und die Zahl damit auf neun erhöhen.

(Siehe auch: Das Programm der EU für Griechenland)

(Quelle: obs/SOS-Kinderdörfer / Hermann-Gmeiner-Fonds / Panagiotis Moschandreou)

gateurope-2015-08-19 13:36:00