Speicherstadt die 40. Welterbestätte in Deutschland

Nun ist das Rennen um die Aufnahme in die begehrte Liste gelaufen. Das UNESCO-Welterbekomitee hat am Sonntag (5. Juli 2015) neun weitere Stätten in die Welterbeliste aufgenommen. Insgesamt fanden 2015 nun 24 neue Stätten das Wohlwollen der Jury in Bonn, 36 waren nominiert. Damit stehen nun weltweit 1.031 Stätten in 163 Ländern auf der Liste: 802 Kulturerbestätten und 197 Naturerbestätten, 32 Stätten zählen sowohl zum Kultur- als auch zum Naturerbe.

Hamburgs Speicherstadt und das Kontorhausviertel mit dem Chilehaus wurde heute als 40. Welterbestätte Deutschlands anerkannt. Neu auf der Welterbeliste sind auch die Begräbnisstätte Nekropole von Bet She’arim in Israel, die Eisenbahnbrücke “Forth Bridge” in Schottland, die spanischen Missionen in San Antonio in den USA, die antike Stadt Ephesus in der Türkei und das Äquadukt Padre Tembleque in Mexiko.

Das Komitee schrieb zudem drei Orte der Industriekultur ein: Stätten der industriellen Revolution aus der Meiji-Zeit in Japan, Wasserkraftstätten zur Industrialisierung in Norwegen und die Industrielandschaft von Fray Bentos in Urguay. Die Kulturerbestätte “Pilgerwege nach Santiago” in Spanien wurde um vier christliche Routen erweitert.

Neun neue Kulturerbestätten:

Deutschland: Hamburger Speicherstadt und Kontorhausviertel mit Chilehaus

Die Hamburger Speicherstadt und das Kontorhausviertel mit Chilehaus sind das größte zusammenhängende, einheitlich geprägte Speicherensemble der Welt. Es vermittelt in einzigartiger Weise die maritime Industriearchitektur des Historismus und Modernismus. Zugleich ist es Symbol für den damals rasant wachsenden Welthandel im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert. Die “Stadt aus Speichern” wurde zwischen 1885 bis 1927 erbaut und ist mit ihrem Verbindungsnetz aus Straßen, Kanälen und Brücken bis heute nahezu unverändert erhalten.

Sie wurde auf Eichenpfählen in drei Bauabschnitten auf einer Inselgruppe in der Elbe errichtet und besteht aus 15 großen Lagerhäusern mit rotem Backstein in neogotischer Architektur. Das benachbarte Kontorhausviertel wurde zwischen 1920 und 1940 erbaut. Es steht mit seinem hochwertigen Design und seiner funktionellen Konstruktion für moderne Architektur und Städtebau. Es war Anfang des 20. Jahrhunderts das erste reine Büroviertel in Europa. Architektonisch bedeutsam ist das von Fritz Höger errichtete Chilehaus, das mit seiner spitz zulaufenden Form an einen Schiffsbug erinnert. 2.800 Fenster und 4,8 Millionen Backsteine wurden in dem Gebäude verbaut, das heute als Ikone des Klinkerexpressionismus gilt.

Großbritannien: Die Forth Bridge

Die Forth Bridge an der Ostküste von Schottland verbindet Edinburgh und die Halbinsel Fife. Die Eisenbahnbrücke gilt als Meilenstein in der Brückenkonstruktion. Sie wurde 1890 fertiggestellt und war mit über 2,5 Kilometern seinerzeit die längste Stahlauslegerbrücke der Welt. Die Verwendung von Stahl im Brückenbau war im ausgehenden 19. Jahrhundert eine Innovation.

Das Fundament der Brücke bilden drei 110 Meter hohe massive Granitpfeiler mit Fachwerkträgern zu jeder Seite. Die Auslegerarme jedes Trägers haben eine Spannweite von 207 Metern. Das Gesamtgewicht der Brücke beträgt 54.000 Tonnen. Nicht nur wegen ihrer enormen Ausmaße war die Forth Bridge seinerzeit eine Ikone. Innovativ waren auch das Design, die industrielle Ästhetik und die markante rote Farbe. Die Brücke ist bis heute in Betrieb.

Israel: Nekropole Bet She’arim

Die Nekropole von Bet She’arim ist ein außergewöhnliches Zeugnis des antiken Judentums. Im 2. Jahrhundert nach Christus war Bet She’arim die wichtigste jüdische Begräbnisstätte außerhalb von Jerusalem. Die unterirdischen Grabstätten der Nekropole sind eine Schatzkammer mit eklektischen Kunstwerken, reichen Verzierungen und Inschriften in aramäischer, griechischer und hebräischer Sprache.

Sie bezeugen eine Periode der Wiederbelebung der jüdisch-religiösen Kultur. Bet She’arim steht in enger Verbindung mit dem Patriarchen Rabbi Jehuda, einem der geistigen und politischen Führer des jüdischen Volkes und Verfasser der Mischna, der ersten größeren Niederschrift der mündlichen Tora. Rabbi Jehuda ha-Nasi lebte und arbeitete in Bet She’arim. Daher gilt der Ort als ein Wahrzeichen der jüdischen Erneuerung.

Japan: Stätten der industriellen Revolution in der Meiji-Zeit

Das Ensemble von insgesamt 23 Industriedenkmälern an elf Standorten zeigt die beispiellose industrielle Revolution des Landes nach dem Vorbild der westlichen Welt. Die schnelle Industrialisierung Japans Mitte des 19. Jahrhunderts bis Anfang des 20. Jahrhunderts gründete auf der Entwicklung der Eisen- und Stahlindustrie, dem Schiffbau und Kohlebergbau. In der ersten Phase der Industrialisierung experimentierte Japan in den 1850er Jahren in der Roheisenerzeugung und im Schiffbau. Lokale Clans trieben die Industrialisierung zur Seeverteidigung voran.

Dabei übernahmen sie das Wissen der westlichen Welt und kopierten westliche Technologien. In der zweiten Phase während der Meiji-Ära in den frühen 1870er Jahren forcierte Japan die Einfuhr von Technologien aus Westeuropa und Amerika, um sich das Know-how des Westens anzueignen. Anfang des 20. Jahrhunderts war die Industrialisierung erfolgreich abgeschlossen. Im Rahmen der Welterbekomiteesitzung erklärte Japan, dass in den 1940er Jahren Menschen aus Südkorea gegen ihren Willen in den Industriestätten unter harten Bedingungen arbeiten mussten. Die japanische Regierung erklärte auch, diesen Teil der Historie der Welterbestätte der Öffentlichkeit zu vermitteln.

Norwegen: Stätten der Industriekultur in Rjukan und Notodden

Die Industriestätten Rjukan und Notodden in Südnorwegen veranschaulichen die Pionierleistungen der Wasserkraftindustrie zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Der Bau zweier bahnbrechender Wasserkraftwerke schaffte in Rjukan die Voraussetzung für die energieintensive Massenproduktion von Kunstdünger. Die Stadt erlangte seinerzeit Weltrang als Produzent von Düngemitteln für die weltweite Landwirtschaft.

Das von dem Konzern Norsk Hydro erbaute Kraftwerk war damals die größte Turbinenanlage weltweit. 1915 nahm der Konzern ein noch leistungsfähigeres Wasserkraftwerk in Betrieb, es versorgte die chemische Schwerindustrie mit Strom. Rjukan entwickelte sich in weniger als 20 Jahren von einer Bauerngemeinde zu einer Arbeitersiedlung mit mehreren tausend Einwohnern. Die vom Konzern beauftragten Architekten entwarfen eine Stadt mit einer eindrucksvollen Architektur und hohen sozialen Standards. Die meisten Gebäude und die zwei Kraftwerke sind gut erhalten.

Türkei: Ephesus

Die antike Stadt Ephesus lag ursprünglich direkt am Meer mit einem Hafen an der Mündung des Kaystros. Die archäologischen Reste der Stadt aus hellenistischer und römischer Zeit befinden sich heute mehrere Kilometer landeinwärts. Ausgrabungen in den letzten 150 Jahren legten weltweit bedeutende Monumente frei, wie die Ruine des berühmten Tempels der Artemis, eines der “Sieben Weltwunder” der Antike.

Zu den wichtigsten Funden aus der Zeit des römischen Kaiserreiches gehören die Celsus-Bibliothek, das Große Theater und antike Terrassenhäuser. Im Ruinenfeld von Ephesus befinden sich außerdem das Haus der Jungfrau Maria und die Kirche des Heiligen Johannes. Die Moschee von Isa Bey und die mittelalterliche Siedlung auf dem Stadthügel Ayasoluk zeugen von der Eroberung der Stadt durch die Seldschuken und osmanischen Türken. Die archäologischen Stätten von Ephesus geben Aufschluss über die einzigartige Siedlungsgeschichte der Stadt, die einerseits von natürlichen Umweltveränderungen und andererseits von unterschiedlichen Kulturen geprägt war.

Mexiko: Aquädukt von Padre Tembleque

Der nach dem Franziskanermönch Padre Tembleque benannte Aquädukt wurde zwischen 1554 und 1571 erbaut und gilt als ein architektonisches Meisterwerk des Wasserbaus. Die Franziskaner errichteten den Aquädukt nach dem Vorbild der römischen Wasserleitungen, während die Baumeister der indigenen Gemeinschaften ihre Kenntnisse von den Bautraditionen der mesoamerikanischen Kulturen einbrachten.

So besteht das Mauerwerk des Aquädukts vorwiegend aus Lehmziegeln, die Architektur der Arkaden mit den typischen Rundbögen hingegen folgt europäischen Modellen aus der Römerzeit. Die Hauptarkade des Aquädukts bei Tepeyahualco besteht aus 67 Rundbögen, die eine Höhe von bis zu 40 Metern erreichen. Der Kanal des Aquädukts überbrückt Täler und Schluchten und erstreckt sich auf einer Gesamtlänge von 48 Kilometern. Er beginnt am Hang des Vulkans Tecajete, westlich der Stadt Zempoala im Bundesstaat México, und endet in der Stadt Otumba im Bundesstaat Hidalgo.

Uruguay: Industrielandschaft von Fray Bentos

Die Industrielandschaft von Fray Bentos ist ein frühes Beispiel für die Industrialisierung der Lebensmittelherstellung. 1863 gründete der deutsche Ingenieur Georg Christian Giebert in Fray Bentos die weltweit erste Fleischextrakt-Fabrik, die zwei Jahre später in die “Liebig’s Extract of Meat Company” überging. Nach dem Verfahren des deutschen Chemikers Justus von Liebig und mit in England entwickelten Maschinen wurde in Fray Bentos tonnenweise Fleischextrakt hergestellt und über den Hafen am Rio Uruguay nach Europa verschifft.

1924 wurden die Fabrikanlagen von der “Frigorífico Anglo del Uruguay S.A.” erworben und unter diesem Namen weitergeführt. Die Fabrik in Uruguay versorgte den globalen Markt wie auch die Armeen der beiden Weltkriege mit Fleischpasten und Corned Beef. Große Teile der Fabrik mit ihren Kühlhäusern, Werkhallen, Maschinen und Kaianlagen sind nahezu original erhalten. Der historische Industriekomplex umfasst außerdem zugehörige Landgüter und Arbeitersiedlungen.

Vereinigte Staaten von Amerika: Missionsstationen in San Antonio

Die Missionen in San Antonio veranschaulichen die Zeit der spanischen Kolonialisierung im amerikanischen Südwesten. Auf einer Strecke von circa zwölf Kilometern entlang des San Antonio River im südlichen Texas befinden sich die fünf ehemaligen spanischen Missionsstationen Valero (Fort Alamo), Espada, San Juan, San José und die Rancho de las Cabras. Sie wurden im frühen 18. Jahrhundert von Franziskanermönchen erbaut und dienten der Evangelisierung der indigenen Bevölkerung.

Alle Komponenten der Missionen sind nahezu authentisch erhalten: Kirchengebäude, Wohnhäuser, Werkstätten und Viehställe, Brunnen und landwirtschaftliche Bewässerungssysteme. Hier lebten die spanischen Missionare in enger Gemeinschaft mit der indianischen Bevölkerung. Sie nutzten gemeinsam Wissen und handwerkliche Fähigkeiten, entwickelten eine gemeinsame Sprache und Religion. Dadurch entstand eine Gemeinschaft mit einer eigenen kulturellen Identität, weder autochthon noch spanisch. Die enge Verflechtung der spanischen und indianischen Kultur wird besonders in den Kirchen sichtbar, die mit christlichen Symbolen und kunstvollen Malereien der Coahuilteken dekoriert sind.

Eine Stätte wurde erweitert:

Spanien: Pilgerrouten nach Santiago in Nordspanien

Die Welterbestätte “Pilgerweg nach Santiago de Compostela” wurde um vier christliche Pilgerrouten in Nordspanien erweitert. Dazu gehören die Pilgerrouten an der nordspanischen Atlantikküste, im Baskenland, in der Region La Rioja und in der Bergregion Liébana in Kantabrien. Zusammen bilden diese vier Pilgerrouten ein knapp 1.500 Kilometer langes Wegenetz. Das gemeinsame Ziel, das alle historischen Wege der Pilgerroute verbindet, ist das Grab des Apostels Jakobus des Älteren in Santiago de Compostela in Galicien.

Nach der Entdeckung des Grabs im 9. Jahrhundert wurde Santiago de Compostela neben Rom und Jerusalem zum dritten Hauptziel der christlichen Pilgerfahrt. Die Hauptroute des Jakobswegs in den spanischen Pyrenäen zählt bereits seit 1993 zum Welterbe. 1998 hatte die UNESCO die französischen Pilgerstraßen nach Santiago in die Welterbeliste aufgenommen.

Weitere Stätten, die neu in die UNESCO-Liste aufgenommen wurden, finden Sie HIER und DORT.

(Quelle: UNESCO / Foto: www.mediaserver.hamburg.de / Christian Spahrbier)

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