Tristan Tzara

Tristan Tzara – „Genie ohne Skrupel“

Erstmals widmet das Straßburger Museum für moderne und zeitgenössische Kunst Tristan Tzara (1895-1963) eine große Ausstellung. Der Name dieses Dichters, Kunsttheoretikers und Sammlers ist untrennbar mit dem Dadaismus verbunden. Doch sein umfangreiches und für spätere Generationen sehr prägendes Oeuvre ist noch wenig  bekannt.

Mit einem Ensemble von 450 Werken aus Tzaras künstlerischem Umkreis, einer Auswahl außereuropäischer Exponate (Afrika, Ozeanien, Mesoamerika) und Art-Brut-Kunstwerken sowie einer ausführlichen Dokumentation vermittelt die chronologisch gegliederte Schau unter dem Titel „Tristan Tzara, der approximative Mensch.“ einen Überblick über sein Wirken.

Der Mann mit dem Monokel

Die Ausstellung wurde vom französischen Ministerium für Kultur und Kommunikation als Veranstaltung von nationaler Bedeutung eingestuft.

Tristan Tzara war nicht nur ein bedeutender Zeuge seiner Zeit; mit seinen Stellungnahmen,seinem Humor und seinen Schriften prägte er das 20. Jahrhundert auf ganz besondere Weise.

Dabei ließ sich der Mann mit dem Monokel, den der Dichter Huelsenbeck einmal als „Genie ohne Skrupel“ bezeichnete, von festen künstlerischen und politischen Überzeugungen leiten.

Die Schau zeigt zunächst Tzaras frühes Schaffen, das in seinem Heimatland Rumänien nochunter dem Einfluss des Symbolismus stand und von der ungeschliffenen Energie eines jungen Mannes zeugt, der im Schreiben eine Möglichkeit gefunden hatte, überholte Kunstformen ebenso anzuprangern wie die Absurdität einer im Chaos versinkenden Welt.

Lebenslange Freundschaft mit Hans Arp

In Zürich, wo er sich 1916 niederließ, trieb Tzara diese Exaltation der Spontaneität von Wort und Gestus immer weiter, unterstützt von seinem Landsmann Marcel Janco sowie von Hugo Ball und Hans Arp, mit dem ihn eine lebenslange Freundschaft verband.

In Frankreich fand er vier Jahre später Zugang zum Kreis um Picabia und die jungen Künstler, die sich damals noch nicht als Surrealisten bezeichneten – Aragon, Breton, Soupault – und mit denen er einen an Brüchen und Versöhnungen reichen Weg zurücklegte.

Sein ganzes Leben hindurch war Tzara ein leidenschaftlich engagierter Künstler. So schloss er sich schon 1934 der Association des Écrivains et Artistes Révolutionnaires an und unterstützte im Spanischen Bürgerkrieg die Republikaner.

Ein dichtes Werk geschaffen

Tzara schuf über die Jahrzehnte ein dichtes Oeuvre aus Lyrik, Essays und kunstkritischen Abhandlungen.

Die größten Künstler seiner Zeit, mit denen er auch befreundet war, illustrierten seine Werke.

Die Ausstellung zeigt Werke u.a. von Arp, Calder, Chirico, Dalí, Delaunay, Ernst, Rousseau, Duchamp, Forestier, Giacometti, Gris, Gruber, Janco,Klee, Kertész, Knutson, Man Ray, Matisse, Miró, Picabia, Picasso, Richter, Segal, Schwitters, Taeuber, Tanguy.

Sein Lebensweg:

1896-1915: Bukarest

Samuel Rosenstock wird am 16. April 1896 im rumänischen Moineşti geboren. Schon in Jugendjahren gründet er mit seinen Freunden Ion Vinea und Marcel Janco die Lyrik-Zeitschrift Simbolul (Das Symbol), in der er seine ersten vom Symbolismus beeinflussten Gedichte unter dem Pseudonym S. Samyro veröffentlicht.

1915-1919: Zürich

Er entscheidet sich für den Namen Tristan Tzara und geht er im Herbst 1915 nach Zürich,ursprünglich um Literatur und Philosophie zu studieren. Im Jahr darauf gründet Hugo Ball das Cabaret Voltaire, die Wiege des Dada. Die Dadaisten antworten mit Nonsens auf die Absurdität der im nicht enden wollenden Krieg versinkenden Welt.

1920-1924: In Paris und anderswo

Im Januar 1920 lässt sich Tzara bei den Picabias in Paris nieder.
Er begegnet Breton, Aragon, Éluard und Soupault und macht bei deren aufsehenerregenden und bewusst provokanten Veranstaltungen mit. 1924 bekräftigt Tzara in Sept Manifestes Dada als Reaktion auf André Bretons Manifeste du Surréalisme seine Ablehnung des Surrealismus.

Im Jahr darauf heiratet er die schwedische Malerin Greta Knutson. 1927 wird ihr Sohn Christophe geboren.

1924-1929: Rückzug

In diesen fünf Jahren zieht sich Tzara aus dem turbulenten Leben zurück.

1929-1935: Surrealismus

Im Dezember 1929 schließt Tzara mit André Breton und den anderen Surrealisten Frieden. Die Straßenschlachten im Februar 1934 lassen ihn daran zweifeln, dass eine Gruppe Intellektueller dem Faschismus die Stirn bieten kann. 1935 vollzieht er den offiziellen Bruch mit dem Surrealismus.

1936-1945: Kriegszeiten

Als Weggefährte der Kommunistischen Partei gründet Tzara mit Louis Aragon, Roger Caillois und Jules Monnerot die kurzlebige Zeitschrift Inquisitions. Nach der Niederlage und Besetzung Frankreichs muss Tzara als jüdischstämmiger Linksaktivist im Juni 1940 in aller Eile aus Paris flüchten (was ihn zu dem Stück La Fuite inspiriert).

Zuflucht findet er unter falschem Namen in einem Dorf unweit von Souillac im südwestfranzösischen Department Lot. Im Untergrund veröffentlicht er wenig, schreibt jedoch viel.

1944 und 1945 arbeitet Tzara für die Services de la Propaganda in Toulouse und geht danach zum Comité National des Écrivains; noch immer in der Illegalität leitet er die südwestfranzösische Sektion dieses von der Kommunistischen Partei gegründeten Organs des literarischen Widerstands.

1946-1963: Nach dem Krieg

Von 1946 bis 1950 veröffentlicht Tzara seine im Krieg entstandenen Gedichte in schönen Ausgaben. Im Januar 1946 inszeniert Marcel Lupovici am Théâtre du Vieux-Colombier La Fuite. 1947 wird Tzara französischer Staatsbürger und tritt der Kommunistischen Partei bei.

In seinem Vortrag „Le Surréalisme et l’après-guerre“ an der Sorbonne arbeitet er die Bedeutung des Dadaismus heraus und prangert den Surrealismus als dekadent an.
Er veröffentlicht viel in Literaturzeitschriften.

1956 kommt es zu einer ersten Meinungsverschiedenheit mit der Kommunistischen Partei, weil Tzara den Einmarsch der Sowjets in Budapest verurteilt, und erneut

1960, als er mitten im Algerienkrieg das Manifeste des 121 über das Recht auf Ungehorsam unterzeichnet.

Trotz seines schlechten Gesundheitszustandes ist er weiter aktiv: Er setzt sich für die Freilassung des türkischen Dichters Nazim Hikmet ein und verurteilt die Kolonialpolitik in Afrika.

Tristan Tzara stirbt am 24. Dezember 1963 in seinem Haus in Paris.

Ausstellungsdauer: 24. September 2015 – 17. Januar 2016
Museum für moderne und zeitgenössische Kunst der Stadt Straßburg
1 place Hans Jean Arp, Straßburg
Tel. : +33/(0)3 88 23 31 31
Tram: Musée d’Art moderne et contemporain
Öffnungszeiten: Di bis So: 10.00 bis 18.00 Uhr
Ausstellung und Museum montags geschlossen

Bildnachweis: Tristan Tzara, vers 1924.
Man Ray (dit), Radnitzky, Paris, Centre Pompidou – Musée national d’art moderne – Centre de création industrielle © Man Ray Trust / ADAGP Paris 2014. Photo © Centre Pompidou, MNAM-CCI, Dist. RMN-Grand Palais / Guy Carrard

(Quelle: Museum Stadt Straßburg)

gateurope-2015-07-23 13:49:19